Public Relations Studierende Hannover e.V.

   
    

TUI: Mit den Öffentlich-Rechtlichen auf großer Fahrt

Wenn das Gala-Dinner anlässlich der Silvester-Feierlichkeiten auf dem neuen Aushängeschild von TUI Cruises, der „MeinSchiff“, auch nur halb so gut gelungen ist, wie das PR-Feuerwerk von TUI Cruises im Jahr 2009, dann muss man sich um das Wohl der Passagiere keine Sorge machen. Dabei hatte das PR-Jahr noch mit einem Schmunzeln begonnen, da die Kreuzfahrtsparte der TUI es soweit in Sachen Kundendialog getrieben hatte, dass diese, mit Zwischenschaltung einer Jury, dem neuen Luxusliner prompt den etwas hölzern anmutenden Namen „MeinSchiff“ gaben. Ein Name, der zwischen Queen Mary II oder Pride of Hawai zwar auffällt, aber nicht überzeugt.

 

Die "MeinSchiff" (Foto: TUI Cruises)

Die „MeinSchiff“ (Foto: TUI Cruises)

Was machte das Jahr 2009 zu einem MeinSchiff-Jahr?
Vorab erwähnt sei dabei, dass es TUI Cruises bestens verstand die Öffentlich-Rechtlichen vor das eigene Schiff zu spannen. Dies war erstmals eindrucksvoll bei der glamourösen Taufe im Hamburger Hafen zu sehen. Der NDR, der sich nachträglich viele Fragen dazu gefallen lassen musste, berichtete am 15. Mai zwei Stunden live. Unter der Schiffshymne, gesungen von Anna Netrebko, taufte dann auch folgerichtig NDR-Allzweckwaffe Ina Müller das Schiff. NDR-Show-Bühne und eine Talksendung der „aktuellen Showbude“ rundeten die perfekte Inszenierung gekonnt ab, in der sich TUI Logo und MeinSchiff nicht über zu wenig Aufmerksamkeit beschweren konnten. Dass Productplacement nach dem „Marienhof-Skandal“ noch so leicht und offensichtlich möglich ist, ist schon erstaunlich. Bei TUI Cruises wird es keinen gestört haben.

Doch wer denkt, dass man die Vermarktung seines Produkts im öffentlich rechtlichen Fernsehen nicht noch toppen könnte, der sah nicht die im Sommer abgedrehten Folgen des ZDF-Kochsendungsmarktführers „Die Küchenschlacht“. Hier kochen Hobbyköche unter Beaufsichtigung von Lafer, Lichter und Co täglich um die Wette. Ein Sternekoch spielt dabei jeweils Preisrichter, kegelt einen Kandidaten pro Tag raus und ernennt am Ende jeder TV-Woche den Sieger.

Eine ganz normale Kochsendung? Nicht im Sommer. Denn da wurde die ZDF-Sendung auf dem Sonnendeck der „MeinSchiff“ abgedreht. Statt eines kargen Studiohintergrundes konnte der Zuschauer die Stadtansichten von Malaga, Cadiz, Lissabon oder Bordeaux sehnsüchtig bewundern. Das Kochoutfit ließen die Juroren in ihren Kabinen. Das „MeinSchiff“-Polohemd sah einfach besser aus. In diesem wurden sie dann noch von den moderierenden Kollegen sinngemäß unter den Worten angekündigt: „Gerade noch in der tollen MeinSchiff-Saunalandschaft und jetzt hier bei uns“. Komplettiert wurde für TUI auch diese gelungene PR-Aktion durch aussagekräftige Intros, die das Schiff von seiner schönsten Seite zeigten. Wohlgemerkt: Hier ist die Rede vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und zugegeben: Der im nicht gerade mediterranen Deutschland sitzende Zuschauer, der die Ausstrahlung im kühlen Herbst sehen durfte, muss sich mächtig nach diesem Schiff gesehnt haben.

Das wusste auch der CEO, Richard J. Vogel: „Mit Johann Lafer, Horst Lichter, Alexander Herrmann und Alfons Schubeck haben wir an Bord vier Spitzenköche, die für unsere Gäste die Reise auf der „Mein Schiff“ zu einem außergewöhnlichen Erlebnis machen. Kochsendungen erfreuen sich gerade bei Hobbyköchen immer größerer Beliebtheit.“ Bedenkt man, dass Zuschauer von Kochsendungen, in denen von Amateuren oftmals statt Reibekuchen eher Langusten an Kürbisravioli geboten werden, wohl auch noch so ziemlich die Zielgruppe des Genießer- und nicht Animations- „MeinSchiff“ sind, kann man TUI Cruises nur beglückwünschen.

Basis der Social-Media-Offensive: meinschiff.tv

Basis der Social-Media-Offensive: meinschiff.tv

Bei diesen gelungen Aktionen vergisst man völlig, dass auch Online einiges geboten wird. Sicherlich kann man darüber streiten, ob der gut situierte Kunde Twitter und Videoblogs nutzt, dennoch werden diese Kanäle geschickt besetzt. Die niemals versiegende Quelle deutscher Promis, Komiker und Künstler, die regelmäßig die „MeinSchiff“ zwischen Spitzbergen und Trinidad bevölkern, wird hier gekonnt in Szene gesetzt. Sei es, wenn „MeinSchiff-Golfer Heiner Lauterbach“ auf Deck den Schläger schwingt, Roger Cicero zusteigt, Reiner Calmund den Tiefgang vergrößert oder 2010 Panikrocker Udo Lindenberg sein Zimmer im Atlantik gegen den Konzertsaal des Luxusliners eintauschen wird.

Über Twitter und Facebook erfahren die „dummen“ Daheimgebliebenen etwas vom Django-Asül-Silvesterauftritt, bei Flickr kann man den letzten Sonnenuntergang neidvoll nachempfinden. Und auf http://meinschiff.tv/ gibt es dauerhaft Bewegtbilder der schiffseigenen Moderations-Crew und Verweise auf die euphorische Berichterstattung von Spiegel.TV, RTL, Merian, BILD und Co. Im Bereich Media-Relations muss TUI Cruises enorm viel geleistet haben. Vielleicht ist das erste Schiff des deutschen Reiseriesens aber auch einfach nur ein medialer Selbstläufer? Die Basis für diesen Erfolg ist aber letztendlich ein gutes Produkt. Schenkt man den vielen Kommentaren auf den Seiten des Video-Blogs Glauben, scheint TUI dieses zu haben, gute PR gab es in 2009 zumindest reichlich.

 

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Der Marienhof-Skandal auf FAZ.net

Das Videoblog von TUI Cruises: meinschiff.tv

Spiegel Online: PR-TV: Life-Taufe für TUI-Schiff


4 Responses so far.

  1. Sascha sagt:

    Erstaunlich wie einfach productplacement bei den Öffentlich-Rechtlichen noch zu funktionieren scheint – trotz der Aufdeckung der Lindenstraße- und Marienhof-Fälle. Ich bin fast dazu geneigt das Kürzel GEZ in den Raum zu werfen, aber das artet wieder in einer endlosen und vor allem ergebnislosen Diskussion aus 😉

    Die Umsetzung von TUI, insbesondere der Videoblog, sieht aber ordentlich aus.

    • Viel erstaunlicher ist ja, dass sowohl TUI als auch NDR bestreiten, dass Geld geflossen ist. Ich finde den NDR-Fall dabei auch gar nicht so dramatisch. Sicherlich wurde das Logo prominent eingeblendet und die Marke von vorne bis hinten gepusht. Die Frage ist ja, ob so eine Schiffstaufe so weltbewegend ist, dass sie live festgehalten werden muss. Erstflug A380, Queen Mary II im Hamburger Hafen… war auch alles live zu sehen. Immerhin hat man daraufhin später auch die Taufe der AIDAluna gezeigt.
      Wo aber zu 100% eine Absprache stattgefunde haben muss, war im Falle der Küchenschlacht beim ZDF. Inwiefern das von Seiten des ZDF korrekt oder in Ordnung war, kann ich nicht beurteilen. Aber Marienhof und Lindenstraße zeigen ja, dass es eher in Richtung Verbot geht. Dabei war die Küchenschlacht-Tui-Kooperation viel offensichtlicher als irgendwelche Teppiche, die Hersteller in Marienhof-Wohnungen haben auslegen lassen.

  2. Tobias sagt:

    Natürlich ist da kein Geld geflossen. Sonst hätte TUI was falsch gemacht. Außerdem wäre es dann keine PR mehr. Absprachen hinsichtlich der Erwähnung von Namen oder Ausstattungsmerkmalen des Schiffs können nicht nachgewiesen werden. Da kann man dann drüber debattieren, wie oft Herr Lafer MeinSchiff genannt hat und ob das in Ordnung ist. Müßig wie ich finde. Ergo: Best practice!

    Und von einem Verbot von Product Placement kann keine Rede sein! Die EU hat es als Werbeform erlaubt. Diese Richtlinie muss jetzt nur noch in nationales Recht umgesetzt werden. Und das betrifft wohl auch die Öffentlich-Rechtlichen. Solche Aktionen werden dann aber als Werbung und nicht mehr als PR anzusehen sein.

  3. Das mit dem Verbot, war rein aufs Öffentlich-Rechtliche bezogen. Ist ja klar, dass Productplacement nicht verboten wird. Die Frage ist aber, ob es bei ARD und ZDF intern erlaubt ist. Glaube aber kaum, dass sowas nochmal stattfinden würde, wenn das ZDF da „Dauerwerbesendung“ drüber packen müsste.

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