Public Relations Studierende Hannover e.V.

   
    

„Es kommt alles raus.“ – der PRSH im Gespräch mit Andreas Breitsprecher von Vattenfall Europe

Hannover – 02. Mai 2012. Beim exklusiven Tête-à-Tête im kleinen Kreis von PRSH-Mitgliedern gab der Kommunikationschef bei der Vattenfall Europe AG Einblicke in seinen beruflichen Werdegang und Anekdoten zur ein und anderen zu bewältigenden Krise im Laufe seiner Karriere in der Pharma-, Luft- und Raumfahrt und Energiebranche.

Henry Kissingers Ignoranz-Taktik „There cannot be a crisis next week. My schedule is already full.“ wies Breitsprecher zurück. Nicht nur ist nach der Krise vor der Krise, auch scheren sich Krisen in einem Unternehmensbereich nicht um Spannungen in einem anderen. Die Krise ist omni-präsent – manchmal sind es sogar zwei auf einmal: Während seiner Position als Leiter der Abteilung Presse für die Bereiche Raumfahrt und Verteidigung bei Daimler-Benz Aerospace AG (Dasa), forderten Mitte der 90er Jahre innerhalb einer Woche die „Dolores“- und „Fokker-Krise“ all sein kommunikatives Geschick. Mit dem gesamten Vorstand im Urlaub und durch einen frühmorgendlichen Anruf eines Journalisten mit der Krisensituation überrascht und konfrontiert, zog Breitsprecher die Lehre:

Krisen können jederzeit auftreten. Eskalationsbeschleunigende Faktoren, und sei es die Alpenwanderung des CEO, die ihn trotz heutigen Möglichkeiten – wie Blackberry oder Blitz-Telco über Skype-App auf dem iPhone – kurzzeitig unerreichbar machen, müssen in erfolgreichem Krisenmanagement einberechnet sein.

So gar nicht betriebsblind geht er auch mit kommunikativen Fehltritten seines heutigen Arbeitgebers Vattenfall um: Die erste Reaktorschnellabschaltung 2007 im Kraftwerk Krümmel nach einem Transformerbrand wurde begleitet von unglücklichen TV-Bildern des Sicherheit beschwörenden Kraftwerkbetreibers vor einer enormen Rauchwolke. Gepaart mit defizitärer Informationspolitik des Unternehmens zur Zeit des Vorfalls, resultierte das Ereignis in einem gravierenden Imageschaden für den Konzern. An diesen Folgen, verstärkt durch eine zweite Reaktorschnellabschaltung 2009, die Breitsprecher, gerade einmal wenige Wochen im Konzern tätig, miterlebte, knabbert der Energieriese noch heute. Die Learnings? Bildwelten und Wording seien bei der Kommunikation während unfallbedingten Krisen ausschlaggebend. Ebenso wichtig seien gerade in Branchen, die eng mit den sensitiven Themen Menschenleben und Gesundheit verknüpft sind, Transparenz und initiative Information der Öffentlichkeit – das Medieninteresse an Krisen sei riesig. „ Am Ende kommt alles raus.“, so Breitsprecher. Der kriseneindämmende Faktor Schnelligkeit spiele eine große Rolle. Gleichzeitig müssten die Aussagen belastbar sein – einmal Gesagtes kann nicht zurückgenommen werden.

Krisenkommunikation? Die Kommunikation der Energiewirtschaft nach der Energiewende.

Im Anschluss erklärt Breitspreicher während der offiziellen PR-Lecture im Planet MID der Hochschule Hannover die Gesamtlage der Energiewende in Deutschland. Knapp ein Jahr nach der überraschenden 180-Grad-Drehung der Politik hinsichtlich des schnellstmöglichen Atomausstiegs bis 2022 als Reaktion auf die Unglücksserie im Kernkraftwerk Fukushima, fächern sich die kommunikativen Herausforderungen um das Überthema Energiewende breit:

Energiewirtschaft sowie Politik stehen im Konflikt zwischen Klimaschutzzielen, wie der Reduktion von Kohlenstoffemission einerseits und der Notwendigkeit neuer Kohlekraftwerke zur Deckung des vorrübergehenden Mehrbedarfs an Energie, die die vorgezogene Abschaltung der Meiler verursacht andererseits. Diese war in der Planung zum Übergang der vorrangigen Nutzung von regenerativen Energien nicht vorgesehen. Nicht zu schweigen von den enormen Kostenbelastungen durch Netzaus- und Kernkraftwerkrückbau. Gemein ist diesen Themen der Bedarf von Akzeptanz in der Bevölkerung. Dass diese für solche innovationsgetriebenen Großprojekte kein Garant ist, zeigt Breitsprecher am Beispiel Stuttgart 21 auf.

Zurückhaltung lautete Vattenfalls Strategie nach den Ereignissen von Fukushima und Moratorium, die Atomkraft wieder auf oberste Stelle der Agenda deutscher Medien und Bevölkerung katapultierte und das tatsächlich absehbare Aus für die Kernenergie wahr machte. Offensive heißt es bei der Energiewende im Allgemeinen: Erklärstücke nennt Breitsprecher diese klima- und energiespezifischen Projekte, die Akzeptanz fordern. Ohne den Intellekt der breiten Masse in Frage stellen zu wollen heißt die kommunikative Strategie damit Komplexitätsreduktion. Denn welcher Otto-Normal-Steuerzahler blickt bei Wortgefechten zwischen Off-Shore versus CCS (Kohlenstoffspeicherung) tatsächlich durch? Um die Energiewende – denn beschlossen ist sie – nicht zum öffentlichen Krisenthema werden zu lassen, bedarf es also Information. Einfach und transparent.

Der PRSH bedankt sich bei Andreas Breitsprecher für die brandaktuellen Insights in das kommunikative Spannungsfeld der Energiewende!


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