Public Relations Studierende Hannover e.V.

   
    

Von Löwen und Boxhandschuhen

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Seit über zehn Jahren ist das Disney-Musical „Der König der Löwen“ eine der Top Touristen-Attraktionen in Hamburg. Mehr als acht Millionen Zuschauer konnte die preisgekrönte Inszenierung in dieser Zeit verzeichnen. Das liegt nicht zuletzt an der langfristigen Presse- und Medienarbeit, die das Musical immer wieder in der Medienberichterstattung platziert. Die Show gehört zum Repertoire von Stage Entertainment, jenem Unternehmen, das auch Musicals wie z.B. Tarzan, Tanz der Vampire und Mamma Mia erfolgreich produziert hat. Die Kommunikationsarbeit für Disneys Der König der Löwen läuft jedoch weitgehend unabhängig von der PR-Arbeit für den internationalen Unterhaltungskonzern. Für einen intensiven Einblick in die zuständige Presseabteilung haben sich 14 unserer PRSH-Mitglieder früh morgens auf den Weg in die Hansestadt gemacht.

Am Bühneneingang des Stage Theater im Hafen werden wir sehr herzlich von Bianca Wiechmann empfangen. Zusammen mit einer Praktikantin ist die Pressestelle von Disneys Der König der Löwen damit auch schon vollständig. Wir starten mit einer eindrucksvollen Führung durch Kostümwerkstätten, Proberäume und dem Herz des Backstage-Bereichs: der „Puppet-Werkstatt“. An den Wänden hängen metergroße Hyänenmasken aus Carbon, auf dem Tisch stapelt sich Steppengras, es riecht leicht nach Lösungsmitteln und Farben. Die Mitarbeiterin zeigt uns die im Tierkopf versteckte Mechanik, mit der die Schauspieler das Maul der Hyäne per Hand auf- und zuklappen lassen können. In den langen Fluren hängen Trainingspläne neben paillettenbeklebten Käfern. Dagegen wirkt das Pressebüro erstaunlich normal, es ist ein mit Zeitschriften angefüllter Raum, doch auch hier lässt sich das Afrika-Flair nicht leugnen. Ein paar Türen weiter, in einem ebenfalls geschmückten Konferenzraum, erzählt Bianca von ihrer täglichen Arbeit.

Die Schwierigkeit bestünde darin, das Interesse an einem so weitreichend bekannten und etablierten Stück aufrechtzuerhalten. Dabei gibt es für die Journalisten oft keine wirklichen Neuigkeiten: Die Story ist von 1994, die Show seit der Premiere fast unverändert, die Besucherzahlen stabil. „Wir müssen den Medien Geschichten bieten“, sagt Bianca dazu. Klingt logisch. Wie sieht das aus? Bianca verlässt den Raum und kommt kurze Zeit später mit einem großen Stapel Presse-Clippings und Artikeln wieder. Darin finden sich beispielsweise Bildstrecken zu selbst gestalteten Wohnaccessoires im Afrika-Stil, ganz nach dem Motto: Die Requisite von Disneys Der König der Löwen zeigt, wie mit wenigen Mitteln außergewöhnliche Deko-Objekte entstehen können. Hierfür wurden die Wohnobjekte extra von den Mitarbeitern der Puppet-Werkstatt angefertigt und an die Leser der Zeitschriften verlost. Auch der multikulturelle Hintergrund der Tänzer und Schauspieler eigne sich gut für originelle Geschichten. Das könne beispielsweise eine Fitness-Strecke mit einer der Tänzerinnen in der Women´s Health sein oder ein Afrika-Kochkurs mit den afrikanischen Schauspielern. Auch Jahreszeiten-Specials, zum Beispiel über verschiedene Halloween-Bräuche in unterschiedlichen Teilen der Welt, würden sich gut dafür eignen, das Disney Musical auch außerhalb der klassischen Musical-Berichterstattung in die Medien zu bringen. Diese Ideen für Medienstories werden von der Zwei-Mann-Presseabteilung konzipiert und auf einen Jahresplan verteilt. So soll eine möglichst kontinuierliche Berichterstattung erreicht werden. Dass dabei im Laufe des Jahres öfters mal etwas geändert oder verschoben wird, ist selbsterklärend.

Die Crew hilft immer gerne bei der Erstellung solcher Stories, sie verstehen wie wichtig PR für den Erfolg des Musicals ist und haben Spaß am Mitwirken an diesen Geschichten. Manche erhoffen sich dabei auch ein wenig Eigen-PR. „Der Job erfordert viel Sensibilität, mittlerweile weiß man aber genau, wie welcher Mitarbeiter tickt und kann sich darauf einstellen“, sagt Bianca. Generell spürt man auch als Besucher die gute Stimmung im Haus, alle Abteilungen kennen sich untereinander, alle verbindet die Begeisterung für das Musical.

Das ist auch bei unserer nächsten Station bei Holger Kersting, dem Senior PR Manager Hamburg von Stage Entertainment und Presse-Verantwortlichen für das Musical „Rocky“ der Fall. Es geht hinaus in den Regen, rauf aufs Boot, auf zum Kiez. Einen passenderen Ort für perspektivlose Einzelgänger, die gerne mal anderen eins auf die Mütze geben, kann man sich nicht vorstellen. Kurze Zeit später stoßen wir auf mehrere Gestalten in Bademänteln und Satinshorts. Wir befinden uns im TUI Operettenhaus mitten in Hamburgs berüchtigter Vergnügungsmeile. Holger Kersting begrüßt uns, räumt ein paar leicht eingestaubte Sitzbänke im Foyer zurecht (das Theater befindet sich so kurz vor der Premiere im November im Umbaustatus) und setzt sich neben Bianca auf den Boden. Ein entspannter Einstieg, und so geht es auch weiter. Nach einer Minute sind alle per Du, nach fünf weiß Holger, was man so macht bei einem PR-Studium, nach zehn wissen wir, dass alle gerade tierisch im Stress sind, aber mindestens genauso viel Spaß an ihrer Arbeit haben. Die Schauspieler boxen sich im Hintergrund mit doppelt gepolsterten Handschuhen im Takt der Musik, Bianca und Holger erzählen von ihren Jobs. Nächste Woche kommt Silvester Stallone. Er bleibt etwas länger als geplant,  Holger überlegt jetzt, was man mit Stallone denn nun so anstellen kann in Hamburg, aber das würde sich schon noch finden. Überhaupt müsse man bei dem Job eben mal improvisieren und flexibel sein. So auch bei der konkreten Pressearbeit zum Musical.

Bei Rocky ist die Sache anders gelagert als bei Disneys Der König der Löwen. Wir haben es mit einer Weltpremiere zu tun, mit einem auf den ersten Blick schwierigen Thema für diese Art der Präsentation – ein knallharter Boxer, der singend der Welt sein Leid kundtut? „Rocky ist eigentlich gar kein Macho“, berichtigt Holger uns. Er sei im Grunde genommen ein totaler Verlierer, ohne Perspektive und auf der Suche nach einer einmaligen Chance. Er startet mit nichts als seinem Talent, findet die Liebe seines Lebens und versucht, sich mit viel Ehrgeiz und dem Glauben an sich selbst hochzukämpfen. So klingt das Ganze doch schon mehr nach einer Story für ein Musical. „Die Leute vergessen das nur immer, weil sie die ganze Rocky-Filmreihe mit allen Fortsetzungen im Kopf haben. Aber der erste Film mit der ursprünglichen Geschichte hat alles, was ein gutes Musical braucht“, erzählt Holger. „Rocky braucht zwar in der Vermarktung mehr Erklärungen, das kann aber auch eine Chance sein“.

Dank der prominenten Unterstützung von Silvester Stallone und den Klitschko-Brüdern kann das Thema wesentlich einfacher in den Medien platziert werden, als die bekannte König der Löwen Thematik. Zumal gerade jetzt zur Premiere das Interesse noch sehr groß ist. Die erste Pressekonferenz hat weltweit Wellen geschlagen. Die Darsteller wurden der Öffentlichkeit vorgestellt, Interviews herausgegeben und so schon vor der Premiere im November die Aufmerksamkeit erhöht. Ein fixes PR-Konzept gibt es dabei nicht, laufend werden neue Ideen aufgegriffen und andere verworfen. Auch die Marketingabteilung arbeitet am Erfolg des Musicals: In Hamburg fährt eine S-Bahn seit Oktober mit Rocky-Aufdruck.

Bei der klassischen Pressearbeit achten Holger und Bianca darauf, dass sich die beiden Musicals nicht in die Quere kommen. Rocky hat jetzt erst einmal Vorrang, große Schwierigkeiten gab es bisher jedoch nicht bei der Abstimmung. Obwohl jeder seinen eigenen Bereich hat und weitgehend selbstständig arbeitet, ist die Kommunikation und Abstimmung untereinander immer gewährleistet. Es ist sofort erkennbar, dass beide Seiten sich vertrauen, der Umgang miteinander ist locker und freundlich, ebenso wie das Gespräch uns gegenüber. Da verwundert es nicht, dass Holger es geschafft hat, engen Kontakt zu vielen Journalisten aufzubauen. Genau diese Kommunikation mit anderen Menschen ist es auch, die ihm an seiner Arbeit besonders gut gefällt. Das, und dass die Arbeit stets spannend bleibt und neue Herausforderungen mit sich bringt. Auch wenn das momentan zahllose Überstunden bedeutet: „Manchmal geht man erst mitten in der Nacht ins Bett, steht zwei Stunden später total müde wieder auf und freut sich trotzdem auf den Tag, weil es einfach Spaß macht“.

 


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