Public Relations Studierende Hannover e.V.

   
    

Studium und dann? Von Reifezeit bis Frustrationstoleranz

Studium und dann? Eine Frage die Kommunikationsstudierende schon lange vor dem Masterabschluss interessiert. Beim PRSH Karrieretag im November informierten und referierten Professionals der Branche zum Thema und diskutierten mit Mitgliedern des Public Relations Studierende Hannover e.V. über Zukunftsperspektiven.

Reifezeit versus Turbokarriere?

Eine Frage die den kommunikativen Nachwuchs bei der Entscheidung über den Berufseinstieg beschäftigt.

Ist ein Anfang 20-jähriger Bachelorabsolvent bereit für die Position eines Junior Accountant?

„Nein!“, findet Uta Behnke (Edelman Hamburg). „Als Agentur sind wir Dienstleister. Kunden wollen unseren Rat und bezahlen für diese Beratungs-Dienstleistung. Damit ihnen diese mehr wert als nur ihre eigene Meinung ist, braucht es Fachwissen und viel Erfahrung.“. Gefragt ist dabei nicht nur die reine Theorie, sondern vor allem die Erfahrung on the Job – und auch Lebenserfahrung gehört dazu. So ist für Behnke ein abgeschlossenes Aufbaustudium nicht von primärer Relevanz – angefangen wird als Trainee!

Eine „Babyschutzphase“ sei das, so Dirk Heitepriem (Research in Motion), in der Einsteiger PR als Produkt zu verstehen und managen lernen.

Dr. Jörg Schillinger (Dr. Oetker) nennt einen weiteren, abschlussunabhängigen Faktor: soziale Intelligenz. „Wir wollen nicht die Besten, sondern die, die am Besten zu uns passen.“, so Schillinger.

Das bestätigt auch Thomas Lüdeke (PR Career Center), der in seiner Tätigkeit in der Personalvermittlung auch mal auf das Headhunting von potenziellen Mitarbeitern mit dem Profil „Jemand, mit dem man abends auch einmal ein Bier trinken kann.“ angesetzt wird.

Formal lautet Schillingers Bewerbungsrezept 40 % fachliche Ausbildung, 60 % Praxiserfahrung. Letztere beispielsweise durch PR als Dienstleistung: „Ich kaufe gerne Agenturleute ein. Die sind billig und willig“, zwinkert der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei Dr. Oetker.

Einstiegsgehälter – Hungerlohn versus Qualifikationsadäquanz?

Billig, das ist eines der Ausschlusskriterien bei der Wahl des ersten Arbeitgebers für Absolventen.

„Nach fünf Fachpraktika, die über  Presseclippings nach Schema F hinaus gingen, bin ich für den Direkteinstieg gewappnet.“, findet Alumni Martin Höfelmann (VW).

Fünfer-WG und Unterstützung durch die Eltern? Diese Aussicht hält viele Masterabsolventen vom Agentur-Traineeship im Städtedreieck der horrenden Lebenshaltungskosten – Hamburg, Frankfurt und München – ab.

Bei der Gehaltsfrage steht daher Anpassungsbereitschaft an den Grad der fachlichen Qualifikation auf der Wunschliste der zukünftigen Kommunikateure – auch von vergleichsweise gut zahlenden Agenturnetzwerken wie Edelman.

„Wir haben kein fachfremdes Studium absolviert, sondern fundierte Kenntnisse im Kommunikationsmanagement erworben. Wenn ein PR-Volontariat, dann nicht unter Wert.“, bekräftigt HsH-Absolventin Julia Huhn (Lautenbach Sass).

Und wie identifiziert man schwarze Schafe? „Sich in die umgekehrte Bewerbungsposition begeben und Fragen stellen!“, weiß Thomas Lüdeke (PR Career Center). Die Gehaltsfrage als erster Indikator sollte dabei nicht die ausschließliche Rolle spielen. Traineeships haben Weiterbildung als festes Element. Herauszufinden ist, ob die Programmschwerpunkte auch die eigenen fachlichen Interessen treffen.

Diesbezüglich sieht Behnke Spielraum für Flexibilität: „Warum soll ich jemanden mit Budgetfragen quälen, der schon immer einen Zahlenhass schiebt?“.

Aufstiegschancen – Spezialisierung versus Hierchieleiter?

Aufstiegschancen, durchaus auf der Überholspur, ergeben sich in Agenturen auch durch Spezialisierung.

In Unternehmen funktionieren Gehaltsklassenupgrades noch heute eher durch erklimmen der Hierarchieränge.

Bei Dr. Oetker bestimmt die Stellenverfügbarkeit die persönlichen Aufstiegsmöglichkeiten. Diese sind oft beschränkt, bis ein Posten frei wird. Und das kann dauern – denn bei dem Familienunternehmen gilt die Devise: „Im Zweifelsfall für den Mitarbeiter.“. Das zeige sich beispielsweise in einer Vielzahl von Arbeitszeitenmodellen, so Schillinger.

Balanceakt – Work versus Life?

Verklären will er die Erwartungen der Studierenden an ihren zukünftigen Arbeitsalltag dennoch nicht:

Dass die Hölle eines PRlers Gesetze zur Arbeitszeitenregelung seien, attestiert auch Alumni Heitepriem und relativiert damit Work-Life-Balance als vermeintliches Unternehmens-Pro in der Für-Wider-Abwägung von Konzern versus Agentur.

Wer freitags pünktlich um 18 Uhr ins Wochenende verschwindet, höre bei Edelman kein – für die Branche nicht unüblich – gezischtes „Halbtagsjobber!“. Dennoch sieht Uta Behnke die Balance zwischen Job und Privatleben nicht primär im Einhalten von gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeiten und automatischen Anrufsperren auf Arbeitshandys am Wochenende: „Man kann nicht mehr linear abarbeiten. Unsere Arbeitswelt ist heute von einem wahnsinnigen Tempo und einer hohen Komplexität geprägt. Das führt oft zum Gefühl, dem nicht mehr Herr zu werden und damit auch zu Überlastung. Vielleicht stehe ich dann nach erzwungenem Arbeitsschluss im Fitnesscenter und habe meinen Life-Anteil, aber Projekte sind dennoch offen und abschalten kann ich nicht.“.

Martin Höfelmann, der bei VW eine mitarbeiterfreundliche 35 Stunden Woche kennt, fügt einen weiteren Faktor zur ausgeglichenen Ratio von Arbeit und Leben hinzu: Inhalte.

Wertschätzung der eigenen Arbeit hat großen Einfluss auf die Ausgeglichenheit im Job. In der PR-Beratung hat das letzte Ja oder Nein der Kunde. Müssen Absolvierende, die Agenturpläne schmieden, also mit einer größeren Frustrationstoleranz ausgestattet sein?

Gegenpol ist das Kreativitätslevel im oft projektorientierten, abwechslungsreichen Agenturalltag. Etablierte PR-Dienstleister wie Edelman begleiten ihre Kunden zudem oft über lange Zeit hinweg, sodass die Beziehung zum Auftraggeber auch ohne immerwährendes Ja-und-Amen von Agenturseite besteht und Ideen in Konzeptionierungsprozesse eingebracht werden können.

Auslandsfrage – Internationale Arbeit versus international arbeiten?

Arbeitsplatzflexibilität sehen viele Personaler heute weniger als zusätzliche Qualifikation, denn Voraussetzung. Auslandsaufenthalte sind andersrum in der Vorstellung des perfekten Arbeitgebers für den Kommunikationsnachwuchs weniger Sahnehaube, denn Muss. Utopie?

Prinzipiell ist Internationalität im Job Grundprinzip: Der Kontakt mit internationalen Kunden oder ausländischen Standorten ist für Agenturen alltäglich. Arbeiten im Ausland nicht – besonders nicht auf dem Einstiegslevel.

Aus unternehmerischer Sicht ist es für Agenturen sinnlos standortspezifisch zu rekrutieren, um ihr Personal gleich wieder wegzuschicken. Strategische Kommunikation bedeutet zudem Kenntnis sprachlicher, aber auch kultureller Spezifika. „ Ein deutscher PRler muss nicht gut in Kanada sein, weil er nicht weiß, wie die Kanadier ticken.“, so Heitepriem.

Absolventen sollten sich selbst Fragen, welchen Mehrwert ihre Arbeit für ihren zukünftigen Arbeitgeber an einem ausländischen Standort bietet.

Entscheidungsfindung – Agentur versus Unternehmen?

Karriere ist kein Zufall, sondern Management von Möglichkeiten. Christian Löcker (GK Personalberatung) rät den Bachelor- und Masterstudierenden eine realistische Selbstreflektion der eigenen Stärken und Schwächen anzustrengen. Gemäß dem Prinzip der SWOT-Analyse externe Möglichkeiten und Bedrohungen – wie spezifische Eigenschaften der Arbeit in Agentur oder Unternehmen – einzuschätzen, um persönliche Chancen und Risiken zu identifizieren.

Typsache und Selbstdefinition zählen bei der Wahl des Einstiegs. Herauszufinden im Übrigen bestmöglich in der Praxis – neben dem Studium.

 

Die Veranstaltung

Der PRSH Karrieretag reiht sich in das Veranstaltungsangebot des PRSH an seine Mitglieder und interessierten Kommunikationsnachwuchs an der Hochschule Hannover ein.

Geleitet wurde die Podiumsdiskussion von Prof. Dr. Ulrike Buchholz, Dozentin an der Hochschule Hannover. Gastredner und Diskussionsteilnehmer waren Uta Behnke (Edelman Hamburg), Dr. Jörg Schillinger (Dr. Oetker), Tomke Prey (BASF), Christian Löcker (GK Personalberatung), Thomas Lüdeke (PR Career Center) sowie Alumni der Hochschule Hannover Martin Höfelmann (VW), Dirk Heitepriem (Research in Motion) und Julia Huhn (Lautenbach Sass). Beim anschließenden Tête-à-Tête mit den PR-Profis konnten die Teilnehmer in lockeren Gesprächsrunden gezielte Nachwuchsfragen an die Gäste stellen.


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