Public Relations Studierende Hannover e.V.

   
    

Von Engeln, Teufeln und den Vier I

Ein Beitrag von Judith Freund und Diana Apostol (1. und 3. Semester MA Kommunikationsmanagement)

 

Wenn jemand wie Klaus Kocks in Hannover zu Gast ist, ist die PR-Lecture für gewöhnlich gut besucht. Dies war auch am Abend des 19.11.2013 wieder so, denn schon den Erstsemestern des Bachelorstudiengangs Public Relations an der HsH ist der Name „Kocks“, Querkopf der Kommunikationsbranche, nach wenigen Wochen Studium ein Begriff.

„Kann man als Engel durch die Hölle fliegen?“ hieß der vielversprechende Titel, den er seinem Vortrag gegeben hatte. Klaus Kocks, bekennender Kritiker des deutschen Kommunikationskodex, äußert sich zu einem Ethik-Thema? Dies versprach interessant zu werden.

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Den thematischen Einstieg gestaltete Kocks mit zwei Beiträgen aus der ZDF heute show.

In dem ersten Clip interviewt Martin Sonneborn Berliner Passanten und fragt sie,  ob sie glauben, dass „die Politiker unsere Welt retten“ können. Während die Passanten in politikverdrossener Manier negieren, tritt Kocks am Ende des Videos vor die Kamera. „Nur die Politik kann die Welt richten“, sagt er. „Wir wissen, dass die Banken [die Krise] nicht für uns lösen werden, wir wissen, dass die Unternehmen sie nicht für uns lösen werden.“ Diese Aussage schließt an eine Grundhaltung Kocks an: Banken wie Unternehmen sind nicht prinzipiell am Gemeinwohl interessiert, folglich habe es seiner Überzeugung nach auch noch nie einen PR-Auftrag gegeben, der dem Allgemeinwohl verpflichtet war.

„Dies ist kein wissenschaftlicher Vortrag“ heißt es im Skript zur Lecture und in der Tat wählt Kocks eher einen induktiven Weg, abstrahiert anhand Beobachtungen aus der Praxis. Entgrenzung ist laut Kocks zu einem Problem für den Ethos der Publizistik geworden. Mit Entgrenzung ist einerseits die historisch bedingte Trennung von Publizistik und PR (oder auch Propaganda) zu verstehen, aber auch die Entfremdung  zum Fach und der Identitätsverlust der Publizistik, bedingt durch den medialen, aber auch gesellschaftlichen Strukturwandel. Die Idee einer klaren Trennung zwischen Fakten und Meinung schreibt Klaus Kocks einer positivistischen Ideologie von Kommunikation zu und verwirft sie zugleich. Es hätte schon immer Möglichkeiten der Umgehung der Trennung zwischen Werbung und Redaktion gegeben, welche durch die formale und strukturelle Beschaffenheit der Medien gegeben sind. Es sei eher die Rede von einer historischen Zwischenform der Kommunikation als von einer historischen Trennung, da diese politisch-historische Gründe hat. Es wird die Frage aufgeworfen, was nun von der (Berufs-)Ethik erhalten bleibt, wenn die „Sortierkästchen“ nicht mehr bestehen. Wenn der normative Anspruch dem Strukturwandel nur noch hinterherläuft, dann besteht die Gefahr, dass man sich innerhalb eines Paradigmas festgefahren hat. Ein Paradigmenwechsel, der mit einem neuen Ethos für die Publizistik einhergeht, würde vielleicht der Dynamik Presse vs. PR in den theoretischen Diskussionen eine neue Richtung verleihen.

Wie passen nun Engel und Teufel, Himmel und Hölle in dieses Bild?

Nach Kocks seien die Journalisten früher stets diejenigen gewesen, die in einer bösen Welt etwas moralisch Erhabenes vorhatten. Die PR-Manager hingegen standen schon damals mit beiden Füßen auf dem Boden der Hölle und waren im geltenden Paradigma „Journalismus vs. PR“ stets der feindliche Gegenpol zum Journalismus-Engel. Dass sich dieses Image heutzutage fast ins Gegenteil verkehrt hat, ist für Kocks ein weiteres Indiz für die Entgrenzung der Publizistik. Da in der heutigen Zeit kaum ein Journalist noch allein durch journalistische Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt verdienen kann, sei er darauf angewiesen, auch Aufträge aus der PR anzunehmen. Im Gegenzug würde die PR dadurch lernen immer journalistischer zu agieren. Das alte Paradigma hebt sich auf und Kocks macht mit seiner Theorie der Vier I den Versuch eines alltagstauglichen Ethos der Publizistik, den er ausdrücklich gegen den Kommunikationskodex von Günter Bentele und seinem „Leipziger Allerlei“ abgrenzt. „Die Wirklichkeit hält sich nicht an die Denkgeschwindigkeit in Leipzig“ kritisiert er den seiner Meinung nach realitätsfernen Kodex und formuliert seine eigenen Ansprüche:

1. Die Identität des Autors oder Urhebers eines publizistischen Beitrags müsse offengelegt werden. Dies gelte auch für Blogs, Kommentare im Internet oder anonyme Leserbriefe. Im privaten Bereich sei dies in Ordnung, aber publizistisch und kommunikationsethisch nicht hinnehmbar oder integer.
2. Die Intention des Textes müsse prinzipiell erkennbar sein.
3. Das wirtschaftliche oder politische Interesse müsse feststellbar sein, also zum Beispiel, wer den publizistischen Beitrag finanziert hätte.
4. Zuletzt müsse offengelegt werden, welche Ideologie mit dem publizistischen Beitrag bedient werde.
Wer sich an die Transparenz dieser Vier I halte, handele nach Kocks integer und müsse sich auch nicht für die Ausübung seines Berufs schämen. Immer wieder spricht er uns Studierende darauf an, bloß nicht wegzunicken, dabei sind Kocks Aussagen wie ein Weckruf für die zukünftigen Fachfrauen und –männer und machen eher nachdenklich als schläfrig.

Kocks schätzt, dass circa 80 Prozent publizistischen Inhalte in Deutschland nicht alle der Vier I offenlegen. Ein Student aus dem Publikum merkt an, dass ihm auch zu den übrigen 20 Prozent kein Beispiel einfiele und bittet daher den Gastdozenten um eines. Doch auch Kocks mag spontan kein Beispiel einfallen und so verweist er auf seine Auslegung des Begriffs „prinzipiell erkennbar“, in etwa gemeint wie unterschwellig, zwischen den Zeilen. Für ihn sei gerade der investigativer Journalismus das Einfallstor für schmutzige PR, denn er sei nicht transparent im Sinne der Vier I. Die PR an sich sei jedoch ein sauberes Geschäft, denn sie habe nichts mit der Wahrheitsfrage zu tun, sondern handele stets mit Stories, nicht mit Wahrheiten. Zudem könne man auch mit Wahrheiten lügen, denn die Wahrheit der PR sei immer auch oder nur die der vertretenen Parteien. Ein unterschwelliges Lachen geht durch die Zuschauerränge. Belustigung, Irritation, Zustimmung? Das muss jeder für sich entscheiden.

Steuern wir also auf eine Gesellschaft zu, in der niemand mehr publizistischem Inhalt glaubt, wird aus dem Publikum gefragt. Kocks knappe Antwort: Ja, denn die Presse verliert ihre Zeitzeugenfunktion. Eine Entwicklung, deren Verantwortung er auch in der verlegerischen Unterfinanzierung der Redaktionen sieht.

Die Aufnahme seiner Vier I in den Kommunikationskodex lehnt er übrigens strikt ab: „Bloß nicht!“

 

Fotos: Arian Abdija

 

 


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