Public Relations Studierende Hannover e.V.

   
    

In der Krise fehlt vor allem Eines – Zeit

Ein Beitrag von Carina Bogus und Kristina Frenz (6. Semester BA PR)

_DSC0038Wie gehe ich auf Kommunikationsseite mit einer potentiellen Krise um? Ulrich Lisseks Lecture zum Thema „Kommunikation bei Groß-Projekten: Herausforderungen und Lösungen“ zeigte den PR-Studierenden der Hochschule Hannover, was beim Durchqueren internationaler Gewässer alles zu beachten ist. Extra aus der Schweiz eingeflogen, berichtete der Communications Director der Nord Stream AG über komplexe Umweltfragen, langwierige Genehmigungsverfahren und durchgeführte Maßnahmen.

Die Nord Stream AG – Wer steckt dahinter?

Die Nord Stream AG ist ein internationales Konsortium aus fünf Energieriesen: Gazprom, E.ON, Wintershall (eine Tochtergesellschaft der BASF), die niederländische Gasunie und die französische GDF SUEZ. Ziel des 2005 gegründeten Unternehmens war es, das Projekt Gas-Pipeline Nord Stream zu realisieren. Die durch die Ostsee führende Pipeline misst 1.224 Kilometer und die Investitionskosten belaufen sich auf 7,4 Milliarden Euro.

Die Nord Stream Pipeline: Versorgungssicherheit für Europa

Die Pipeline dient dem Erdgas-Transport von Russland nach Europa, Mitte November 2011 erfolgte die Inbetriebnahme. Sie verläuft durch die ausschließlichen Wirtschaftszonen von Russland, Finnland, Schweden, Dänemark und Deutschland. Dieser länderübergreifende Aspekt stellte die Projektverantwortlichen vor Herausforderungen: In jedem Land mussten vor Baubeginn Genehmigungen eingeholt und intensive Gespräche geführt werden. Gemäß einer UN-Konvention müssen sich alle Unterzeichner gegenseitig informieren und konsultieren, sobald ein Vorhaben innerhalb eines Landes ökologische Auswirkungen über nationale Grenzen hinweg haben könnte. Das Ergebnis dieser aufwendigen Umweltschutzprüfung: Ein 36.000-seitiger Bericht, der die Ergebnisse jahrelanger Forschung, Feldstudien und Analysen u.a. zum Ökosystem Ostsee enthält. Im Sinne der Transparenz kann der sogenannte Espoo-Bericht kapitelweise in zehn Sprachen auf der Nord Stream-Website heruntergeladen werden.

Gerade Umweltfragen sind für viele Länder aus den verschiedensten Gründen ein sehr sensibles Thema. Die Nord Stream AG erkannte das hohe Konfliktpotential hinter ihrem Vorhaben. Deshalb wurde die Kommunikationsstrategie auf das kritische Umfeld zugeschnitten und länderspezifisch agiert.

Vorgehen nach Lehrbuch

Die Gesamtsituation wurde von Beginn an als Krisensituation verstanden, so dass auf mögliche Katastrophenszenarien adäquat reagiert hätte werden können. Es wurde eine SWOT-Analyse angefertigt, Zielgruppen, kommunikative Ziele und Botschaften definiert und eine Strategie ausgearbeitet – wie aus dem Lehrbuch.

Das tägliche Medien Monitoring mit über 100 Medien aus elf Ländern zeigte, dass zu Beginn negative Schlagzeilen die Berichterstattung beherrschten. Weitere Maßnahmen waren verstärkte politische Kontaktarbeit beispielsweise in Brüssel und Washington, themenbezogene Pressekonferenzen und Pressereisen, der Einsatz von Muttersprachlern sowie Pressemitteilungen. Für Akzeptanz wurde vor Ort mit einer besonderer Maßnahme geworben: Im Stil einer Roadshow wurde mit umgebauten VW-Trucks an Küstenorten entlang des Pipeline-Verlaufs angehalten, den Bewohnern das Vorhaben erläutert und sich mit deren Fragen auseinandergesetzt.

Insgesamt verfolgte die Nord Stream AG eine auf Fakten basierende, dialogorientierte Kommunikationsstrategie. Diese proaktive Informationsaufbereitung sorgte letztendlich für überwiegend neutrale und positive Schlagzeilen. Lisseks Fazit: Pläne sind insofern hilfreich, als dass sie Sicherheit vermitteln und folglich ruhiger agiert wird. Im Ernstfall kann so schneller reagiert werden, dies muss aber situativ erfolgen. Und: Kommunikation vermag nicht alles zu heilen.


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