Public Relations Studierende Hannover e.V.

   
    

Die Karlstads Universitet und Dirty Dancing

Ein Beitrag von Sonja Höfter (4. Semester Public Relations)

Über Kaffee und Kommunikation: Pausen und Gruppenarbeiten als Erfolgskonzept made in Sweden

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Das Hauptgebäude der Karlstads Universitet in der Provinz Värmland, Schweden

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Das Zitat „Nobody puts Baby in a corner“ aus dem Film Dirty Dancing (1987) ziert die Fassade der schwedischen Universität.

„Nobody puts Baby in a corner“ prangt in großer Neonschrift an der Fassade direkt neben dem Haupteingang der Universität Karlstad. Doch warum schmückt sich die schwedische Universität mit einem Zitat aus Dirty Dancing? Das Zitat aus dem berühmten Film der 90er-Jahre sorgt für schier grenzenlose Verwunderung, Verwirrung und führt nicht selten zu einem Schmunzeln. Doch so wenig dieses Zitat auf den ersten Blick mit einem akademischen Umfeld gemein hat, desto mehr transportiert es auf den zweiten Blick eine wichtige Botschaft. Die Botschaft richtet sich an alle Studierende und Mitarbeiter der Universität; niemand sollte glauben müssen, man sei für etwas nicht gut genug. Die Karlstads Universitet stärkt allen gleichermaßen den Rücken! Studierende werden ermutigt ihre Stärken und Talente auszubauen, anstatt die Kreativität zu bremsen. Dies gilt für alle schwedischen Universitäten. Verantwortlich für das Kunstwerk sind Moa und Mikaela Krestesen aus Umeå. Ihre Intention ist es, das Zitat aus seinem ursprünglichen Umfeld zu entnehmen und es in einen neuen Kontext zu integrieren. „Nobody puts Baby in the corner“ soll jungen Frauen und Mädchen Mut schenken ihre Stellung im öffentlichen Raum zu vertreten.

Gleichberechtigung und Kommunikation sind wohl die zwei wichtigsten Säulen des schwedischen Bildungssystems. In der nordischen Nation begegnen sich Dozenten und Studierende auf Augenhöhe; es ist selbstverständlich dass man sich mit dem Vornamen anspricht und sich in den Pausen „Fikas“ über Gott, die Welt und das Wochenende auslässt. Um einen kleinen Exkurs in die schwedische Kultur zu geben: Fikas sind Kaffeepausen, bei denen vor allem der soziale Aspekt des Unterhaltens mit Kollegen, Freunden und Kommilitonen im Vordergrund steht. Dies fördert das Arbeitsklima enorm, da sich auf einer freundschaftlichen, informellen Ebene begegnet wird. Die wissenschaftliche Zusammenarbeit wird durch die hohe Qualität der Pausen gefördert und die Produktivität steigt. Gelegentlich essen Studierende und Dozenten auch gemeinsam zu Abend, dann bringt jeder etwas Selbstgemachtes mit.

Die Unis haben einen Gemütlichkeitsfaktor. An schwedischen Universitäten sind relativ selten große, anonyme Hörsäle anzutreffen. Stattdessen gibt es viele Lehrräume für kleinere Lerngruppen und an Sofas und gemütlichen Sitzecken herrscht kein Mangel. Die Studierenden sollen hier nicht nur lernen sondern sich auch wohlfühlen und leben. Wohlfühlen kann man sich allemal in der hellen Bibliothek mit den Gruppentischen und den großen Fenstern, damit auch ja keine Minute des im Winter kostbaren Sonnenlichts verpasst wird. Das Studium an der Universität kostet die Studierenden keine Krone – Gebühren und Studienbeiträge gibt es nicht.

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Die helle Bibliothek ist im Hauptgebäude untergebracht.

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Im Winter geht die Sonne bereits um 15.00 Uhr unter.

Stress und Hetzerei von einer Vorlesung zu Nächsten kennt hier auch niemand. Das schwedische Semester wird in zwei Abschnitte unterteilt und pro Abschnitt können sich die Studierenden auf maximal zwei Kurse konzentrieren. Dies ermöglicht den angehenden Akademikern sich gänzlich in ein Thema zu vertiefen. Am Ende jedes Semesterabschnitts steht dann die Prüfung, sodass keine nervenzehrende Prüfungsphase aller Kurse am Semesterende lauert. Fühlt man sich am Tag der Klausur nicht wohl, weil einen plötzlich das Lampenfieber gepackt hat, man erkrankt ist oder schlecht geschlafen hat, kann man sich einfach wieder online abmelden und zum nächsten Termin – einen Monat später – wieder anmelden. Das Benotungssystem in Schweden differenziert, anders als in Deutschland, nur zwischen drei Stufen: „väl godkänt“ (bestanden mit Auszeichnung), „godkänt“ (bestanden) und „underkänt“ (nicht bestanden).

In der Regel besucht der gemeine schwedische Student zwei Vorlesungen die Woche. Dies mag dem einen oder anderen etwas wenig erscheinen, der die voluminösen Stundenpläne deutscher Hochschulen und Unis gewöhnt ist, doch die Studierenden treffen sich jeden Tag in der Bibliothek und erarbeiten in Gruppen neue Themen und bereiten die Vorlesungen nach. Dies erfordert ein höheres Maß an Selbstdisziplin als sich täglich in die Vorlesung zu setzen und dem Monolog des Dozenten zu lauschen und Notizen zu machen.

Gruppenarbeiten sind in Schweden allgegenwärtig und bereits die Kinder lernen das zielorientierte Arbeiten in Gruppen in der Grundschule. Selten sieht man in der Bibliothek Einzelkämpfer alleine vor dem Laptop brüten. In puncto produktive Gruppenarbeiten und qualitätsfördernde Pausen kann sich Deutschland noch eine Scheibe von dem skandinavischen Land abschneiden. Die Fika ist revolutionär.

Ein Beitrag von Sonja Höfter (4. Semester Public Relations)


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