Beiträge gettagt mit CSR

Rückschau: Das war das erste „PRSH im Gespräch“


+++ Neu: PRSH-Interview mit Stefan Dahle (Leiter CSR Beratung, imug) online +++ Erstes PRSH-Interview mit Dr. Prätorius (VW) online +++ Fotos vom 16.3.2010 online +++


Die erste Podiumsdiskussion unseres erst kürzlich gegründeten PRSHVereins zum Thema „CSR als Herausforderung für die Unternehmenskommunikation“ kann als voller Erfolg verbucht werden. Die fast 100 interessierten Zuhörer, der Sektempfang im Foyer und natürlich die Diskussion selbst übertrafen die Erwartungen.

Einen großen Anteil daran hatten unsere Podiumsgäste, die interessante Beiträge zu den einzelnen Facetten von Corporate Social Responsibility liefern konnten. So unterstrich Dr. Gerhard Prätorius, Leiter CSR und Nachhaltigkeit der Volkswagen AG, bereits zu Beginn der Diskussion, dass sich CSR in den vergangenen Jahren zum „Problemlösungsfall“ für Unternehmen entwickelt habe.

Dieser Meinung schloss sich auch Stefan Dahle an, der beim Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft (Imug) als Leiter der CSR-Beratung arbeitet. Er verglich das CSR Verständnis in den USA mit dem heutigen europäischen Verständnis und machte auf die Unterschiede zwischen Charity (USA) und nachhaltigem Wirtschaften (Europa) aufmerksam. Als wichtige journalistische Meinungsführerin und Beobachterin der CSR-Szene in Deutschland bemängelte Heike Leitschuh, dass gerade dieses Verständnis von CSR noch nicht in allen deutschen Unternehmen angekommen sei.

(die gesamte Fotogalerie findet sich hier)

Ein Grund dafür sei, so Eins A Kommunikation- und DPRG-Landesgruppen-Chef Thorsten Windus-Dörr, dass das Thema CSR vor einigen Jahren einfach über viele Unternehmen gekommen sei, ohne dass diese darauf vorbereitet gewesen wären. Er betonte jedoch auch, und dies stellte sich auch bei den Fragen nach der Diskussion noch einmal heraus, dass gerade der Mittelstand bereits lange CSR Maßnahmen durchführen, diese jedoch nicht als solche bezeichnen und kommunizieren würde.

Im Wesentlichen einig war sich das Podium über die Frage, wie stark CSR-Projekte mit dem unternehmerischen Kerngeschäft verknüpft sein müssen, um nicht als „Greenwashing“ tituliert zu werden. Einzig Dr. Gerhard Prätorius machte deutlich, dass es nicht immer so leicht sei, diese Verknüpfung herzustellen.

Nach dieser ersten Verortung von CSR und Nachhaltigkeit wurde die Diskussion von Moderator Andreas Severin (Managing Partner Crossrelations, Düsseldorf) auf die kommunikativen Aspekte von CSR in der Unternehmenskommunikation gelenkt. Stefan Dahle machte hier deutlich, dass schlicht zu oft über Dinge kommuniziert wird, die in der Realität nicht stattfänden. „Die Kommunikation muss der CSR-Performance des Unternehmens angepasst sein“, so Dahle weiter. Außerdem müsse CSR-Kommunikation transparent und reflektiv sein. Insbesondere selbstkritische Stimmen vermisse er in den Nachhaltigkeitsberichten deutscher Unternehmen. Diesen Punkt unterstrich ebenfalls Heike Leitschuh, die in diesem Zusammenhang auch Verbesserungspotential beim ansonsten vorbildlichen VW-Nachhaltigkeitsbericht ausmachte.

Nach dem Ende des ersten “PRSH im Gespräch” führten Rebecca Acar und Daniela Wrage mit allen vier Gästen Kurzinterviews, die in den kommenden Tagen hier online gestellt werden. Als ersten Vorgeschmack daher nun das erste PRSH-Interview mit Dr. Gerhard Prätorius, dem Leiter CSR Nachhaltigkeit der Volkswagen AG:

Hiermit möchten wir noch einmal unseren Dank an die geladenen Podiumsgäste und natürlich an unseren Moderator Andreas Severin richten. Außerdem geht ein großer Dank an alle Beteiligten, die in Sachen Catering, Dokumentation und sonstigen organisatorischen und technischen Aufgaben so perfekt geholfen haben.

Und hier geht es…

Zur Fotogalerie


Zu den PRSH-Interviews (mit Dr. Prätorius, Heike Leitschuh, Thorsten Windus-Dörr, Stefan Dahle)

16.3.2010: “PRSH im Gespräch – CSR als Herausforderung für die Unternehmenskommunikation”

Greenwashing, alter Wein in neuen Schläuchen, Modethema. Corporate Social Responsibility polarisiert. Die gängigen Trendbarometer führen CSR weiterhin als eines der Topthemen der PR der nächsten Jahre. Inwiefern bei der Kommunikation von CSR ein besonders Handling von Nöten ist, wie viel PR ernsthafte CSR überhaupt benötigt, wie der Professionalisierungsgrad der CSR-Kommunikation in Deutschland aussieht und ob dieses Feld auch Jobpotenzial aufweist, das soll beim ersten “PRSH im Gespräch” am 16.3 in Hannover geklärt werden. Antworten auf diese Fragen und eine anregende Diskussion garantieren unsere Podiumsgäste, für deren Teilnahme wir uns bereits herzlich bedanken:






Dr. Gerhard Prätorius – Leiter CSR und Nachhaltigkeit der Volkswagen AG







Thorsten Windus-Dörr – Geschäftsführer Eins A Kommunikation und DPRG-Landesvors. Nds./Bremen

dahle




Stefan Dahle – Leiter CSR-Beratung Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft (Imug)


leitschuh




Heike Leitschuh – Fachjournalistin und Autorin mit Fokus Nachhaltigkeit (u.a ZEIT, FAZ, FR, brandeins)



Moderator: Andreas Severin, Managing Partner der Agentur Crossrelations und FHH-Lehrbeauftragter


Ablauf

Von 18 bis 19 Uhr findet im Foyer der Expo Plaza 12 ein Sektempfang mit Antipasti statt. Ab 19 Uhr beginnt dann die Diskussionsrunde im Studiotheater. Dabei werden die zwei Blöcke “CSR: Zwischen Krisen, Glaubwürdigkeit und Fallstricken“ und „Berufsperspektive CSR & Zukunftspotenziale“ behandelt, ehe abschließend Fragen gestellt werden können. Wir freuen uns über jeden Gast. Die Teilnahme ist selbstverständlich kostenlos.


Links:

Anmeldung über XING
Anmeldung über Facebook

“CSR ist eine Strategie, keine PR!” – Susanne Bergius im PR-Interview


Foto Susanne Bergius 2009 - 1 Am 16. März findet ab 18 Uhr unsere Podiumsdiskussion PRSH im Gespräch – CSR als Herausforderung für die Unternehmenskommunikation an der Expo Plaza 12 statt. Im Vorfeld stellte sich Susanne Bergius im zweiten PR-Interview unseren Fragen rund um das Thema Nachhaltigkeit und PR. Susanne Bergius ist Journalistin und Moderatorin für nachhaltiges Wirtschaften und Investieren (u.a. Handelsblatt, ZEIT.online, Frankfurter Rundschau; sie konzipiert und schreibt maßgeblich das Handelblatt Business Briefing zu Nachhaltigen Investments).






Was macht für Sie gute CSR aus?

Susanne Bergius: Corporate Social Responsibility, gesellschaftliche Unternehmensverantwortung, ist keine zusätzliche Aktivität, sondern eine Art, das Kerngeschäft zu betreiben: umweltschonend, sozialverträglich und dauerhaft wirtschaftlich erfolgreich. Es geht nicht darum, ob sondern wie Gewinne erwirtschaftet werden, nämlich nachhaltig. Politik, Wirtschaft und Finanzwelt betreiben nur dann glaubhaft Nachhaltigkeitsstrategien, wenn sie sie auf ihre Kernaktivitäten ausrichten, anspruchsvoll gestalten, ehrgeizige Ziele und Zeitvorgaben formulieren, ein wirksames Nachhaltigkeitsmanagement mit klaren Verantwortlichkeiten und nachhaltigen Entscheidungskriterien etablieren sowie ihre öko-sozialen Leistungen messen lassen und transparent dazu berichten.
CSR strategisch zu betreiben, ist zwingend erforderlich, weil es wettbewerbsrelevant ist. Es gilt, Nachhaltigkeit als verbindlichen betriebswirtschaftlichen Entscheidungsfaktor zu etablieren und quantifizierbare Kriterien für Investitionsentscheidungen zu entwickeln. Grundlegend ist, echte Verantwortlichkeiten für Nachhaltigkeit zu schaffen. Die meisten CSR-Stellen koordinieren nur, beraten manchmal, haben aber haben kaum Kontroll-, geschweige denn Weisungsbefugnis. Vorbildhaft sind die Gremien bei BASF, Henkel, HypoVereinsbank und der WestLB, die beim Vorstand angesiedelt oder in denen Vorstände oder Vorstandschefs, strategische Planung, Produkt- und Funktionsbereiche sowie Regionen vertreten sind.
Es gibt zahlreiche Beispiele, wie kleine, mittlere und große Unternehmen Nachhaltigkeit konsequent und glaubwürdig angehen können. Mit solchen Strategien nutzen sie viele wirtschaftliche Potenziale, selbst wenn die nicht stets exakt zu berechnen sind: geringerer Ressourcenverbrauch, Kostensenkung, optimierte Betriebsabläufe, bessere Geschäftsbeziehungen, Risikominderungen und höhere Mitarbeitermotivation. Das führt zu höherer Produktqualität, Innovationen und steigender Wettbewerbsfähigkeit. Dies alles zahlt sich durch mehr Gewinn, eine bessere Reputation, einen höheren Unternehmenswert oder besseren Kapitalmarktzugang aus, wie zahlreiche Studien erwiesen.
Für CSR und Nachhaltigkeit sind neue Geschäftsmodelle erforderlich. Wenn traditionelle Unternehmen versuchen, ihre Geschäftsbereiche so nachhaltig wie möglich zu betreiben, indem nachhaltige Aspekte zu zwingende Kriterien für Investitionsentscheidungen machen, betreiben sie CSR. Davon zu unterscheiden sind Unternehmen, die systematisch auf ein komplett nachhaltiges Geschäftsmodel umsatteln: Ihre Produkte und Dienstleistungen dienen einer nachhaltigen Entwicklung, richten keinerlei Schaden an und es ist mit ihnen Geld zu verdienen.


„Tue Gutes und rede darüber“. Diesen Spruch hört man immer wieder in Bezug auf CSR. Wie sehr passt dieser Gedanke mit der Glaubwürdigkeit von CSR zusammen?

Susanne Bergius: Seit einigen Jahren ist CSR ein beliebtes Schlagwort. Mangels international einheitlicher Definitionen nutzen Unternehmen das Schlagwort aber nach eigenem Gutdünken und teils irreführend. Sie „verkaufen“ gesponserte Umwelt-, Kultur- oder Sportprojekte als CSR statt als das, was sie sind: bürgerschaftliches Engagement. Derartige „Corporate Citizenship“ gibt es schon lange, hat aber den Klimawandel und die Zerstörung der Artenvielfalt nicht verhindert.
CSR ist nicht einfach Gutes tun, zumal es auch im Sinne eigner ökonomischer Interessen steht: Nur Unternehmen die zukunftsorientiert und verantwortlich wirtschaften, werden künftig weiter wirtschaften können, etwa weil sie sich nötige natürliche und menschliche Ressourcen sichern. Glaubwürdig ist CSR, wenn es, wie eben beschrieben, in der Firmenstrategie, dem Management und dem Kerngeschäft abteilungsübergreifend verankert ist, gesteuert und kontrolliert wird.
Dies können Unternehmen in der Stille tun und von den ökonomischen Vorteilen „ungesehen“ profitieren. Allerdings ist in vielen Fällen Transparenz für unabdingbar, vor allem bei börsennotierten sowie in der öffentlichen Beobachtung stehenden Unternehmen. Transparenz heißt in erster Linie eine sachlich korrekte, möglichst extern geprüfte Berichterstattung, die die Bedeutung der CSR-Aktivitäten und Ergebnisse „richtig“ darstellt, also anhand anerkannter Kriterien (etwa denen der Global Reporting Initiative) und auch in Bezug zum Gesamtgeschäft. Hier kommt es auf nachweisliche Leistungen an.
Dies hat nichts mit „PR“ im werblichen Sinne zu tun, sondern soll verschiedenste Interessengruppen informieren wie Mitarbeiter, Zulieferer, Kunden, Nicht-Regierungsorganisation, Medien und Politik. Sie haben ein Recht, informiert zu werden, und pochen zunehmend darauf. Darum müssen deutsche Unternehmen seit 2006 in den Lageberichten aussagekräftige Angaben zu ökologischen und sozialen Aspekten machen. Investoren bewerten sie laut Umfragen überwiegend als wichtig für Geschäftslage und künftigen unternehmerischen Erfolg. Lageberichte bilden aber Risiken und deren Management noch nicht adäquat ab. Investoren wollen von Unternehmen häufig viel mehr wissen. Darum hat die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) zentrale Leistungsindikatoren (KPIs) für Nachhaltigkeit erarbeiten lassen, die bei Finanzprofis inzwischen europaweit anerkannt sind. Sie werden für Unternehmen strategische Bedeutung erlangen und sicher dazu beitragen, das Thema zur Chefsache zu machen.
Sofern tatsächlich messbare und bedeutsame Fortschritte bestehen, kann und sollte das durchaus auch die „PR“ im werblichen Sinne sagen. Warum sollten Unternehmen verstecken, was sie erreichen? Im Gegenteil: Gerade auch öko-sozial verantwortliche Leistung, dient der Kundenbindung. Und ein Bewusstseinswandel sowie Verhaltensänderungen in allen gesellschaftlichen Gruppen hin zu nachhaltigeren Wirtschafts- und Lebensstilen bedürfen Informationen über Machbares und Leistungen. Sie brauchen auch einen Informationswettbewerb. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit.
Am besten sollen Unternehmen erst etwas leisten und dann darüber reden. Bei der Arbeit Richtung mehr CSR empfiehlt sich allerdings, zentrale Interessengruppen, die Stakeholder, einzubinden. Einige Unternehmen haben inzwischen erkannt, wie unerlässlich ernsthafte Stakeholder-Dialoge mit Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, Mitarbeitern, Zulieferern oder Kunden sind, die alle viel Know-how einbringen. Ohne einen systematischen, möglichst vertraulichen Stakeholderdialog, ist es, als hätte eine Aktiengesellschaft keine Investor Relations Abteilung.


Was ist für Sie unglaubwürdig?

Susanne Bergius: Es ist nicht strategisch, wenn Autobauer „sauber“ produzieren, aber verkaufte Fahrzeugflotten massenhaft Treibhausgase ausstoßen und PR-Maßnahmen vor allem Sport Utility Vehicels dienen. Kulturförderung hilft nicht, Korruptionsfällen, Kinderarbeit oder zu großen Nebenwirkungen von Medikamenten systematisch vorzubeugen.
Ist CSR nicht im Kerngeschäft verankert, schmilzt die Glaubwürdigkeit wie Eis unter der Sonne. Wie bei BP. Es reichte nicht das Unternehmen publikumswirksam mit Logo „Byond Petrolum“ symbolisch auf die Zukunft einzustellen und in Solarenergie zu investieren, aber trotz Rekordgewinnen im Kerngeschäft Anlagen wissentlich verrotten zu lassen. Infolgedessen starben 2005 bei einer Explosion in Texas 15 Menschen und 170 wurden verletzt; Lecks in Ölleitungen zerstörten 2006 empfindliche Ökosysteme in Alaska, weswegen das größte US-Ölfeld tagelang geschlossen wurde. Die Kosten waren hoch, der Image-Schaden ist noch lange nicht behoben. Die riesige PR-Kampagne war ein Rohrkrepierer.


Im Idealfall sollte CSR Ökonomie, Soziales und Ökologie vereinen. Empfinden Sie, dass dies in der Realität geschieht?

Susanne Bergius: Im Idealfall zeigt das Kerngeschäft, dass soziale und ökologische Unternehmensverantwortung sowie nachhaltiges Wirtschaften mit ökonomischem Erfolg einher gehen. Von solch „nachhaltigem Wirtschaften“ sind die meisten Unternehmen weit entfernt: Das kurzfristige ökonomische Denken dominiert noch, was dazu führt, das öko-soziale Aspekte untergeordnet werden. Würden Unternehmen verstärkt langfristig denken und handeln, würden sie schon aus Eigeninteresse öko-soziale Faktoren stärker einbeziehen. So aber fehlt weitgehend die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in die Strategie sowie alle Geschäfts- und Entscheidungsprozesse, selbst wenn sich immer mehr Firmen Leitlinien geben oder Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktor bezeichnen.
Wohl haben deutsche Firmen hierzulande viel für den lokalen Umweltschutz und ihre hiesigen Mitarbeiter getan. Angesichts der Globalisierung geht es nun darum, hohe, über nationale Gesetze hinaus gehende Standards für Umweltschutz und Soziales weltweit von allen Standorten und Geschäftspartnern einzufordern.
Selbst als führend geltende Konzerne konzentrieren sich meist auf Leuchtturm-Projekte. Sie machen nachhaltiges Wirtschaften nicht zu einem alle Aktivitäten umfassenden Geschäftsmodell und Innovationstreiber. Dadurch liegen Chancen zur langfristigen Steigerung des Unternehmenswerts brach. In deutschen Unternehmen sind Aktivitäten zur ökologischen und sozialen Verantwortung meist planlos auf Abteilungen verstreut, ohne in Innovationsprozesse und Produktentwicklung integriert zu sein. Es mangelt an Managementbewusstsein und entscheidungsfähigen Gremien sowie firmenweiten Kontroll- und Reportingstrukturen. Aber was man nicht kontrolliert, kann man weder sinnvoll steuern noch planen. Das kann fatal sein, weil Umwelt und Soziales über die Zukunftsfähigkeit des Kerngeschäfts entscheiden können.
Diese Situation erklärt, warum immer wieder dieselben Namen an der Spitze nationaler und internationaler CSR-Rankings auftauchen. Und diese Namen bemühen sich um das von Ihnen angesprochene Gleichgewicht. Allerdings ist es in der Praxis durchaus schwierig, ökologisch, soziale und ökonomische Interessen zu vereinen. Es gibt Zielkonflikte sowie ein Bewertungsproblem, ob im Einzelfall der ökologische oder der soziale Aspekte wichtiger ist. Nachhaltigkeit ist ein Such- und Lernprozess. Davor sollte man sich aber nicht scheuen: Bei glaubwürdigem Handeln werden auch Fehler verziehen.


Als Gatekeeper haben Sie maßgeblichen Einfluss darauf, ob Aktionen von Unternehmen mit dem Siegel der Schönfärberei oder einem Lob bedacht werden. Wie überzeugt man Sie und inwiefern wird auf Journalisten hier auch Einfluss genommen?

Susanne Bergius: Als „Schrankenwärterin“ betrachte ich mich nicht, sondern als Journalistin, die dazu beiträgt, ein Informations- und Diskussionsdefizit in der deutschen Wirtschafts- und Finanzwelt zu beseitigen und über Machbares aufzuklären. Ob ich maßgeblichen Einfluss habe, weiß ich nicht – das müssen andere beurteilen.
Zu Ihrer Frage: Täglich erhalte ich hunderte E-mails, auch von Unternehmen, die ihre Aktivitäten darstellen und sich eine Berichterstattung wünschen. Unternehmen versuchen, auf Journalisten Einfluss zu nehmen. Hier gilt es scharf zu sondieren, schon allein um die Informationsflut zu bewältigen. Mails zu „guten Taten“ lösche ich sofort, selbst wenn gesellschaftliches Engagement von Unternehmen bedeutsam ist und eine hohe Wertschätzung verdient. Aber ich konzentriere mich seit zehn Jahren auf das Kerngeschäft und behalte diese Trennlinie konsequent bei. Am ehesten überzeugen mich Unternehmen, die große Fortschritte im Kerngeschäft, beim Management, bei der strategischen Produktentwicklung und dem Management der Beschaffungskette nachweisen. Ich recherchiere lange und bei vielen Quellen, bevor ich über ein Unternehmen schreibe. So bleibe ich unabhängig und lasse unerwünschte Einflüsse nicht zu. Hier bei hilft auch, dass ich mich der Tageszeitungshektik entzogen habe, in dem ich mich 2004 selbstständig machte: Das gibt mir mehr Zeit, zu recherchieren.


Nachhaltigkeit spielt bei Unternehmen eine immer wichtigere Rolle. Schon lange wird in diesem Bereich Geld an Kapitalmärkten verdient. Können Sie aus Ihrer Sicht als Beobachterin erkennen, dass hier auch beruflich eine Professionalisierung einsetzt? Welche Qualifikationen muss der Nachwuchs mitbringen?

Susanne Bergius: Ja, es hat eine Professionalisierung begonnen. Immer mehr Unternehmen suchen nach Mitarbeitern, die sich mit CSR auskennen, nicht nur für Stabsstellen, sondern für den Einsatz in unterschiedlichen Abteilungen. Das Ausland ist hier wesentlich weiter, in Deutschland steckt das noch in den Kinderschuhen. Insbesondere ist integratives Denken gefragt, am besten eine interdiziplinäre Ausbildung.
Denn Ressourcenknappheit, Klimawandel, Hunger, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt, Korruption und Finanzturbulenzen entstehen auch, weil die Ökonomie und andere Fachrichtungen diese Themen in Forschung, Lehre und Praxis seit Jahrzehnten vernachlässigen. Nachbarländer korrigieren dies Versäumnis tatkräftig, indem sie nachhaltiges Wirtschaften und Wirtschaftsethik zum Pflichtfach machen und Studiengänge interdisziplinär ausrichten. Die deutsche Hochschullandschaft aber hinkt – von Ausnahmen abgesehen – hinterher. Erst nach und nach bieten Universitäten entsprechende Unterrichtsmodule oder Ausbildungsgänge an, von einem Pflichtfach ist meist keine Rede.
Darum macht sich das bundesweite Studentische Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik (Sneep) an inzwischen rund 30 Universitäten für eine interdisziplinäre Modernisierung von Lehr- und Forschungsplänen stark. Zudem engagiert es sich selbst in der Bildung: Es organisiert in Kooperationen mit Wissenschaftlern und Unternehmen Lehr- und Informationsveranstaltungen, gerade auch zur Frage der erforderlichen Qualifikationen. Und es bietet Dienstleistungen wie eine Praktikums- und Jobbörse an. Diese seit fast sechs Jahren bestehende interdisziplinäre Initiative verdient jede Unterstützung.
Alle Ausbildungen und universitäre Fachrichtungen sollten interdisziplinäres Denken lehren, das „Über-den-Tellerrand-Sehen“ und zumindest Grundwissen hinsichtlich Nachhaltigkeit vermitteln. Denn CSR und Nachhaltigkeit werden in Unternehmen nur gelebt, wenn alle Mitarbeiter in sämtlichen Abteilungen eine Ahnung haben, um was es geht und wie sie dazu beitragen und an einem Strang ziehen können. Im Produktdesign, bei der Beschaffung, dem Zulieferermanagement, der Produktion, dem Controlling, Marketing & Vertrieb, dem Service sowie der internen und externen Kommunikation. Darüber hinaus bedarf es Querschnittsdenker, also Nachhaltigkeitsexperten, die in der Lage sind, die komplexen Zusammenhänge innerhalb des Unternehmens und darüber hinaus zu managen.


Vielen Dank für das Interview!



Das könnte von Interesse sein:

16. März: PRSH im Gespräch – CSR als Herausforderung für die Unternehmenskommunikation
Nachhaltigkeit von Susanne Bergius im Handelsblatt
PR-Interview (1) mit Ina Steinbach (achtung) über Twitter und Co

Vancouver 2010: Nachhaltigkeits-Olympiade mit Glaubwürdigkeits-Macken

Mark Messer hat einen ungewöhnlichen Job. Er macht Eis. Und zwar solches, auf dem man bei olympischen Spielen Medaillen im Eisschnelllauf gewinnen kann. Sein Arbeitsplatz: Das Richmond Olympic Oval. Was hat das mit PR zu tun? Eine ganze Menge. Denn nicht nur hat man die olympische Eishalle aus Pinienholz errichten lassen, um somit mit der weltweit größten Hallenkonstruktion aus Pinie prahlen zu können, sondern vielmehr macht die Halle seit Beginn der olympischen Eisschnelllaufwettbewerbe mit Öko-Eismaschinen von sich Reden, die zwar 100 Prozent öko sind, aber auch 100 Prozent schlechter als konventionelle Eismaschinen. Die Folgen: Ökologisch korrektes, unebenes Eis. Zum Familieneislaufen ausreichend, für den sportlichen Höhepunkt vieler Athleten unangemessen.

Nachhaltigkeitsbronze für Vancouver 2010

Nachhaltigkeitsbronze für Vancouver 2010

Und warum das Ganze? Weil Vancouver 2010 die „grünen Spiele“ sein soll. Das beginnt bei den Eismaschinen und endet bei grünen olympischen Ringen, die an allen Wettkampfstätten prominent positioniert sind. Kommunikativ ist dies sicherlich genau richtig, schließlich bekommt man wohl derzeit nicht mehr olympische Spiele ohne Nachhaltigkeitskonzept vom IOC verliehen. So war es in Vancouver und so möchte es auch München 2018 machen, so wahr das IOC dafür votiert. Problematisch wird diese Strategie, wenn entscheidende Faktoren sich anders verhalten, als geplant. Neben Öko-Eismaschinen, die dazu führten, dass weltweit TV-Bilder des überforderten „Eis-Gurus“ Messer über den Bildschirm flimmerten, spielt aber vor allem das Wetter bei diesen noblen Plänen nicht mit. Somit konnte man zu Beginn der Großveranstaltung wahrlich von grünen Spielen sprechen. Da passte es gar nicht ins Nachhaltigkeitskonzept, dass die Pisten in Whistler und Umgebung mit Schnee versorgt wurden, der eigens per Helikopter und LKW rangeschafft werden musste. Auch der Schwarzbär wurde bei der Planung der Bobbahn wohl nicht gefragt, die seinen natürlichen Lebensraum durchkreuzt. Nun ist dieser zum Glück für Mensch und Bär im Winterschlaf, dennoch zieht das OK die Nachhaltigkeits-Olympiade gnadenlos durch. So ist Magdalena Neuners Biathlon-Gold beispielsweise aus recyceltem Elektroschrott, Coca-Cola verwendet Null-Emissions-Kühlgeräte und transportiert die Ware per Elektroauto. Auch an die soziale Komponente wurde gedacht: Die Siegerblumensträuße werden von Drogenabhängigen geflochten.

Dennoch: Vancouver 2010 tappt, trotz redlicher Bemühungen, in die Glaubwürdigkeitsfalle. So wurden kommunikativ besonders die „first nations“, die Ureinwohner Kanadas in den Vordergrund gestellt. Da darf man sich schon fragen, warum erst, ähnlich wie in Sydney 2000, die Olympischen Spiele kommen müssen, damit deren Belange “gehört” werden. Hauptsponsor der Spiele ist zudem der größte Produzent von Öl aus Teersanden. Der wütet nicht nur im Land der Ureinwohner, sondern wäscht sich grün. Ähnlich wie General Motors. Der offiziell nachhaltige Fuhrpark der Spiele besteht zu mehr als der Hälfte aus den üblichen GM-Großgeländewagen. Grüne Sticker haben diese trotzdem. Und auch der gesprengte Bergrücken, der nun den Highway nach Whistler ziert, passt nicht ins grüne Bild. Was bleibt, ist, dass Vancouver, wo übrigens 1971 Greenpeace gegründet wurde, den Nachhaltigkeitsgedanken offensiv darstellt, so offensiv, dass man um eine Begutachtung dieser Bemühungen nicht umhin kommt. Und so vergibt Greenpeace nur Bronze für die Umweltbilanz und spricht von vertanen Chancen. Auch Medien berichten kritisch.
Nachhaltigkeit hat seine Berechtigung. Zumindest CO2-neutrale Spiele sollte man jedoch einfach nicht kommunizieren, sie sind schlicht eine Illusion. Klar ist auch, dass sich immer Fehler finden lassen und lupenreine, nachhaltige Spiele eine Herausforderung sind, die sich wahrscheinlich niemals realisieren lassen. Die Fallstricke sind zu vielfältig. Natürlich braucht man Infrastruktur, doch wie bringt man das in Einklang mit einem so ambitionierten Nachhaltigkeitskonzept? Für München 2018 dürfen die Daumen gedrückt werden. Bären gibt es (seit Bruno) keine. Die Ureinwohner sind zumindest in Bayern gut integriert. Spielt dann noch das Wetter mit und gelingt es, eine nachhaltige Holzart zu finden, die PR-Ansprüchen genügt, dann werden die Spiele 2018, sollten sie denn nach München kommen, dennoch imagemäßig vom Nachhaltigkeitsaspekt profitieren können.

Rot-Grün-Schwäche: McDonalds ändert die Farben seines Logos

Ein Logo ist doch etwas Heiliges. Der erste Gedanke an eine Marke. Das, was hängen bleibt, der Wiedererkennungsfaktor Nummer 1. Normalerweise ist das Logo einer Marke auch die große Konstante in der Markenkommunikation. Und wenn ein Unternehmen sein Logo ändert, dann ist etwas passiert. McDonalds ändert in Europa demnächst sein Logo, von Gelb-auf-Rot in Gelb-auf-Grün. Was ist denn da passiert?

Es erinnert etwas an die Versuche mit grünem Ketchup. Ketchup ist rot, so war es immer, so wollen wir es haben. Es gibt auch grünes Ketchup, zumindest wurde es versuchweise getestet. Und es hat nicht funktioniert, die Leute wollten es nicht, zu sehr sind wir das rote Ketchup gewöhnt, das Grüne schmeckt uns nicht, obwohl der Geschmack derselbe ist. Das Logo von McDonalds gehört bestimmt genauso zu unserem Alltag wie Ketchup und auch hier ist es genauso selbstverständlich, dass es rot ist. Was aber macht die Fast-Food Kette? Sie will zeigen, dass sie grün ist. Der Farbwechsel sei auch als Bekenntnis und Respekt vor der Umwelt zu werten, so Holger Beek, Vize-Präsident von McDonalds Deutschland, in einem Interview in der Financial Times Deutschland.

mcd
So könnte McDonalds bald daherkommen (Logo: McDonalds, eigene Abänderung)

Trotzdem: Man darf die berechtigte Frage stellen, ob man McDonalds jetzt als total umweltbewusstes Unternehmen sieht, da sie ja schließlich auch das Logo in Grün ändern, oder ob ich das Gefühl haben werde, bei McDonalds jetzt gesünder zu essen. Außerdem sollte man die Frage stellen ob McDonalds den Begriff „Greenwashing“ nicht etwas zu wörtlich nimmt, und ob man Ihnen das scheinheilige CSR-Öko-Protzen a lá „Schaut, wir sind so grün, wir ändern sogar das Logo!“ überhaupt abnehmen wird.
Höchstwahrscheinlich haben sich die Verantwortlichen bei McDonalds Deutschland diese Fragen und noch viele weitere auch gestellt. Und offenbar sind sie zu dem Ergebnis gekommen, dass die Antwort „ja“ lautet. Ich persönlich finde ein grünes McDonalds-Logo befremdlich. Aber vielleicht ist man bei McDonalds auch nur viel, viel weitsichtiger und hat bereits die Generation im Blick, die von nun an mit einem grünen McDonalds-Logo aufwachsen wird. Na dann steht wohl auch grünem Ketchup nichts mehr im Wege.