Die PR steht vor einem Rechtfertigungsproblem. Viele Kommunikationsabteilungen der Unternehmen stehen zumindest intern häufig im Ruf, immer nur Geld auszugeben. Was tragen diese „PRler“, die als Berufsbeschreibung „kommunizieren“ denn schon zum wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens bei? Eine ganze Menge. Dass Reputation, Image und somit die Kommunikation einen wertschöpfenden Charakter hat, belegt die Kommunikationsforschung zur Genüge. Wem es aber zu müßig ist, die trockene Fachliteratur zu wälzen, dem wird im deutschen Parlament live vorgelebt, dass Kommunikation ein entscheidender Erfolgsfaktor ist.
Als zu Guttenberg vor 2 Jahren zum Wirtschaftsminister berufen wurde, fragte die „BILD“: Müssen wir uns diese 10! Vornamen merken? Nein, zwei reichen. Während zunächst gemunkelt wurde, Karl-Theodor zu Guttenberg wurde berufen, um mit einem Franken die CSU intern auszubalancieren, setzte besagter Franke zu seinem nationalen Siegeszug an.
Als er mit 37 jüngster Verteidigungsminister Deutschlands wird, hat zu Guttenberg bereits das Land verzaubert und ein hervorragendes Image. Aus Karl-Theodor wird KT- jung, kantig, anders – das passt. Wo er auftaucht überzeugt er und wird schnell zum Hoffnungsträger im „politikverdrossenen“ Deutschland. Ob es die Faszination des alten Adels, sein Charme oder die Souveränität ist, weiß niemand so genau. Für die Medien ist er ein willkommener Shootingstar und so berichtet neben den einschlägigen Polit-Medien auch schonmal die „Gala“ über KTs witzige Hermès-Tierkrawatten.
Seit Monaten ist der Verteidigungsminister Deutschlands beliebtester Poltitker und dass, obwohl es in seiner Amtszeit bislang alles andere als ruhig zugeht. Die Kunduz-Affäre, das eigene Missmanagement und die Entlassung des Generalinspekteurs der Bundeswehr sind längst vergessen. Aber wo Erfolg ist, scharen sich die Kritiker und bei den zu Guttenbergs werden sie fündig: die RTL II-Auftritte der Gattin, die Abschaffung der Wehrpflicht, der „PR-Familienausflug“ nach Afghanistan samt Kerner…
Nichtsdestotrotz steht KT auf der Beliebtheitsskala weiter unangefochten an der Spitze. Seine Auftritte überzeugen, die Reputation ist gut, ihm wird eine enorme Vertrauenswürdigkeit zugesprochen und Krise um Krise scheint unbemerkt an der Ministerweste abzuperlen.
Nun aber die jüngsten Vorfälle: der Gorch-Fock Skandal, die geöffnete Feldpost und der Unfall-Tod des jungen Soldaten. Für die Medien die Gelegenheit endlich erste Risse im Idol zu Guttenberg auszumachen. Er instrumentalisiert die Presse heißt es, streut gezielte Informationen bevor das Kabinett unterrichtet wird. Die öffentlich-rechtlichen Talk-Ladies Illner und Will widmeten sich unlängst dem Verteidigungsminister. Während Illner diskutierte, ob der „Baron den Sauhaufen Bundeswehr im Griff hat“, fragte Will, ob der „Top-Gun-Mythos langsam bröckelt“- beide Male jedoch ohne den Minister.
Auch die beste Reputation kann also vor Krisen und Kritik nicht schützen. Aber sie hilft, diese abzufedern, zu überwinden und, in den Augen der Öffentlichkeit, gestärkt daraus hervorzugehen. Genauso wie diese Erkenntnis den PR-Profis der Unternehmen eine Daseins-Berechtigung liefert, muss sich der Minister wohl nicht um seine berufliche Zukunft sorgen. Zumindest nicht solange die Medien fragen: „Kann er Kanzler?“
Trotz des Wissens der Kommunikationsschaffenden um die Wichtigkeit des Faktors Vertrauen geschieht es immer wieder, dass Organisationen massive Vertrauensverluste bei der Bevölkerung erleiden müssen. Das jüngste Beispiel: Das Agrarministerium Niedersachsen (mal wieder) und der aktuelle Dioxin-Skandal.
In einem von Grund auf sensiblen Feld wie der Lebensmittelindustrie, in der das Vertrauen der Verbraucher durch Skandale ohnehin schnell verloren geht, haben es Politiker und Institutionen Niedersachsens in kürzester Zeit geschafft große Teile ihres Vertrauens zu verspielen.
Die Diskrepanz von Worten und Fakten ist so groß, dass der Dioxin-Skandal in den Medien größer wird als er eigentlich sein müsste. Vor bereits mehr als einer Woche verkündigt das niedersächsische Agrarministerium, dass viele Höfe gesperrt seien, damit keine Dioxin-Eier in den Handel gelangen können. Der Endverbraucher erfährt später, dass betroffene Bauern tagelang nichts von der Anweisung aus dem Ministerium wussten. Eier aus angeblich gesperrten Höfen gelangten bis zum Wochenende in die Supermärkte. Bald darauf dementiert Niedersachsens Agrar-Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke seine Aussagen zu den Sperrungen der Höfe, er sei lediglich falsch widergegeben worden.
Aus Fehlern lernen? Denkste!
Doch damit ist es nicht genug. Ripke versichert am Dienstag dieser Woche, dioxinbelastetes Schweinefleisch sei nicht im Handel. Am Morgen danach korrigiert der Ministeriumssprecher seinen Chef: Er sei „nicht auf dem neuesten Stand der Informationen gewesen“.
Man sollte meinen aus dem Fall Grotelüschen habe das Ministerium gelernt, der Lernprozess scheint jedoch ziemlich langwierig zu sein. Die Unterschiede zwischen Information und zugrunde liegenden Sachverhalten, Aussagen und tatsächlichem Handeln und zwischen unterschiedlichen Personen innerhalb des Ministeriums sind ebenso immens wie bemerkenswert und schüren das Misstrauen der Öffentlichkeit immer mehr.
So wächst der Dioxin-Skandal in den Medien jeden Tag ein bisschen mehr – nicht etwa, weil jeden Tag neue skandalöse Fakten ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden und/oder die Gefahr des Dioxins sich für Menschen vergrößert (Dioxin ist noch immer nicht akut gesundheitsgefährdend), sondern weil die Protagonisten, die das Problem doch eigentlich lösen sollten, öffentlich durch Unwissen auffallen und nicht vertrauenserweckend sind.
Der Vertrauensverlust für die Politik könnte in diesen Fall größer als der für die Lebensmittelindustrie sein, auch wenn diese, bis hinab zum Landwirt, den wirtschaftlichen Preis dafür zahlen werden muss.
Ein (Kommunikations-)Drama in drei Akten: Astrid Grotelüschen, ehemalige Geschäftsführerin der zweitgrößten Mastputenbrüterei Deutschlands und aktuelle Landwirtschaftsministerin von Niedersachsen, wird von der Tierrechtsorganisation Peta scharf kritisiert. Die Reaktion ihrerseits auf die Vorwürfe der Peta waren, vorsichtig ausgedrückt, unglücklich.
In letzter Zeit gab es eine Menge Aufruhr in der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft. Als gäbe es nicht schon Hühner genug, werden – so scheint es – im Wochentakt neue Massenzuchtanlagen aus dem Boden gestampft. Dabei ist der Bedarf an Geflügel (ja, auch an billigstem) hierzulande gedeckt. Doch die EU macht‘s möglich: Der Export des geschmacksneutralen Billigfleischs wird gefördert, auf dass das Deutsche Huhn auch anderswo Märkte und Preise zerstört. Eine der geplanten Anlagen bei Sprötze wurde kurz vor ihrer Fertigstellung in Brand gesetzt. Bühne frei für den vorläufigen Höhepunkt eines kommunikationstechnisch hoch interessanten Schauspiels.
Die Hauptrollen sind klar vergeben: Auf der einen Seite Astrid Grotelüschen, aktuelle Landwirtschaftsministerin von Niedersachsen, auf der anderen Seite die Tierrechtsorganisation Peta, irgendwo zwischen den Fronten die Betreiber der Zuchtanlagen.
Im ersten Aufzug, der bereits vor einigen Wochen stattfand, wurde Grotelüschen Opfer einer vermeintlichen Kampagne der Peta. Die Tierschützer hatten in diversen Zuchtanlagen, die von ihrer ehemalige Firma (jetzt unter Leitung ihres Mannes) mit Küken beliefert wurden, Filmaufnahmen von verendeten und kranken Tieren gemacht und Grotelüschen angezeigt. Prompt war die Ministerin als Lobbyistin von Wulffs Gnaden abgestempelt und verhielt sich denn auch alles andere als geschickt. Da gab es Faxe von ihrer Nummer an die Inhaber der Betroffenen Zuchtbetriebe, einen Ehemann der verdeutlichen wollte, dass er praktisch kein Wort mit seiner Frau spricht und Astrid Grotelüschen selbst, die beteuerte, mit den Geschäften ihres Mannes nichts mehr zu tun zu haben. Glaubwürdig geht anders, urteilte nicht nur die Opposition.
Im zweiten Akt brachte dann der Brandanschlag auf die Anlage in Sprötze zusätzlichen Zündstoff in die Debatte. Emotionale Bilder (sie mit trauriger Mine am Mikrofon, dahinter die Betreiberfamilie Arm in Arm vor den Überresten der Zuchtanlage, die „Platz“ für 36.800 Tiere bieten sollte) und noch stärkere Unterstützung für die Ministerin seitens der Agrarindustrie im Kampf gegen die vermeintlich militanten Tierschützer waren das Resultat.
Für Spannung im dritten Akt ist gesorgt. Wird auch der größte Schlachthof Europas, der im niedersächsischen Wietze errichtet wird und in dem täglich (!) 430.000 Tiere sterben werden, einem Brandanschlag zum Opfer fallen? Wird Grotelüschen doch noch zur Tierfreundin? Und welche Rolle wird Wilhelm Hoffrogge, Vizepräsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft, spielen? Er scheint zumindest eine ehrliche Haut zu sein. Im Zeit-Interview bezeichnet er Geflügel als Fleisch der Zukunft. Nur würzen müsse man es gut. „Alles was so schnell wächst, hat nun mal nicht viel Geschmack.“ Noch beeindruckender scheint da seine Idee, einen gläsernen Stall auf den Grundmauern der abgebrannten Anlage in Sprötze zu errichten. Der Kunde solle endlich wissen, wie moderne Hähnchenmast aussehe, so Hoffrogge. Bleibt abzuwarten, ob dies wirklich im Interesse seines Verbandes ist. Fortsetzung folgt.