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Der Wert der Kommunikation am Beispiel Karl-Theodor zu Guttenberg

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Die PR steht vor einem Rechtfertigungsproblem. Viele Kommunikationsabteilungen der Unternehmen stehen zumindest intern häufig im Ruf, immer nur Geld auszugeben. Was tragen diese „PRler“, die als Berufsbeschreibung „kommunizieren“ denn schon zum wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens bei? Eine ganze Menge. Dass Reputation, Image und somit die Kommunikation einen wertschöpfenden Charakter hat, belegt die Kommunikationsforschung zur Genüge. Wem es aber zu müßig ist, die trockene Fachliteratur zu wälzen, dem wird im deutschen Parlament live vorgelebt, dass Kommunikation ein entscheidender Erfolgsfaktor ist.

Als zu Guttenberg vor 2 Jahren zum Wirtschaftsminister berufen wurde, fragte die „BILD“: Müssen wir uns diese 10! Vornamen merken? Nein, zwei reichen. Während zunächst gemunkelt wurde, Karl-Theodor zu Guttenberg wurde berufen, um mit einem Franken die CSU intern auszubalancieren, setzte besagter Franke zu seinem nationalen Siegeszug an.

Als er mit 37 jüngster Verteidigungsminister Deutschlands wird, hat zu Guttenberg bereits das Land verzaubert und ein hervorragendes Image. Aus Karl-Theodor wird KT- jung, kantig, anders – das passt. Wo er auftaucht überzeugt er und wird schnell zum Hoffnungsträger im „politikverdrossenen“ Deutschland. Ob es die Faszination des alten Adels, sein Charme oder die Souveränität ist, weiß niemand so genau. Für die Medien ist er ein willkommener Shootingstar und so berichtet neben den einschlägigen Polit-Medien auch schonmal die „Gala“ über KTs witzige Hermès-Tierkrawatten.

Seit Monaten ist der Verteidigungsminister Deutschlands beliebtester Poltitker und dass, obwohl es in seiner Amtszeit bislang alles andere als ruhig zugeht. Die Kunduz-Affäre, das eigene Missmanagement und die Entlassung des Generalinspekteurs der Bundeswehr sind längst vergessen. Aber wo Erfolg ist, scharen sich die Kritiker und bei den zu Guttenbergs werden sie fündig: die RTL II-Auftritte der Gattin, die Abschaffung der Wehrpflicht, der „PR-Familienausflug“ nach Afghanistan samt Kerner…

Nichtsdestotrotz steht KT auf der Beliebtheitsskala weiter unangefochten an der Spitze. Seine Auftritte überzeugen, die Reputation ist gut, ihm wird eine enorme Vertrauenswürdigkeit zugesprochen und Krise um Krise scheint unbemerkt an der Ministerweste abzuperlen.

Nun aber die jüngsten Vorfälle: der Gorch-Fock Skandal, die geöffnete Feldpost und der Unfall-Tod des jungen Soldaten. Für die Medien die Gelegenheit endlich erste Risse im Idol zu Guttenberg auszumachen. Er instrumentalisiert die Presse heißt es, streut gezielte Informationen bevor das Kabinett unterrichtet wird. Die öffentlich-rechtlichen Talk-Ladies Illner und Will widmeten sich unlängst dem Verteidigungsminister. Während Illner diskutierte, ob der „Baron den Sauhaufen Bundeswehr im Griff hat“, fragte Will, ob der „Top-Gun-Mythos langsam bröckelt“- beide Male jedoch ohne den Minister.

Auch die beste Reputation kann also vor Krisen und Kritik nicht schützen. Aber sie hilft, diese abzufedern, zu überwinden und, in den Augen der Öffentlichkeit, gestärkt daraus hervorzugehen. Genauso wie diese Erkenntnis den PR-Profis der Unternehmen eine Daseins-Berechtigung liefert, muss sich der Minister wohl nicht um seine berufliche Zukunft sorgen. Zumindest nicht solange die Medien fragen: „Kann er Kanzler?“

Krisenkommunikation im Agrarministerium: reloaded

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Trotz des Wissens der Kommunikationsschaffenden um die Wichtigkeit des Faktors Vertrauen geschieht es immer wieder, dass Organisationen massive Vertrauensverluste bei der Bevölkerung erleiden müssen. Das jüngste Beispiel: Das Agrarministerium Niedersachsen (mal wieder) und der aktuelle Dioxin-Skandal.

In einem von Grund auf sensiblen Feld wie der Lebensmittelindustrie, in der das Vertrauen der Verbraucher durch Skandale ohnehin schnell verloren geht, haben es Politiker und Institutionen Niedersachsens in kürzester Zeit geschafft große Teile ihres Vertrauens zu verspielen.

Die Diskrepanz von Worten und Fakten ist so groß, dass der Dioxin-Skandal in den Medien größer wird als er eigentlich sein müsste. Vor bereits mehr als einer Woche verkündigt das niedersächsische Agrarministerium, dass viele Höfe gesperrt seien, damit keine Dioxin-Eier in den Handel gelangen können. Der Endverbraucher erfährt später, dass betroffene Bauern tagelang nichts von der Anweisung aus dem Ministerium wussten. Eier aus angeblich gesperrten Höfen gelangten bis zum Wochenende in die Supermärkte. Bald darauf dementiert Niedersachsens Agrar-Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke seine Aussagen zu den Sperrungen der Höfe, er sei lediglich falsch widergegeben worden.

Aus Fehlern lernen? Denkste!

Doch damit ist es nicht genug. Ripke versichert am Dienstag dieser Woche, dioxinbelastetes Schweinefleisch sei nicht im Handel. Am Morgen danach korrigiert der Ministeriumssprecher seinen Chef: Er sei „nicht auf dem neuesten Stand der Informationen gewesen“.

Man sollte meinen aus dem Fall Grotelüschen habe das Ministerium gelernt, der Lernprozess scheint jedoch ziemlich langwierig zu sein. Die Unterschiede zwischen Information und zugrunde liegenden Sachverhalten, Aussagen und tatsächlichem Handeln und zwischen unterschiedlichen Personen innerhalb des Ministeriums sind ebenso immens wie bemerkenswert und schüren das Misstrauen der Öffentlichkeit immer mehr.

So wächst der Dioxin-Skandal in den Medien jeden Tag ein bisschen mehr – nicht etwa, weil jeden Tag neue skandalöse Fakten ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden und/oder die Gefahr des Dioxins sich für Menschen vergrößert (Dioxin ist noch immer nicht akut gesundheitsgefährdend), sondern weil die Protagonisten, die das Problem doch eigentlich lösen sollten, öffentlich durch Unwissen auffallen und nicht vertrauenserweckend sind.

Der Vertrauensverlust für die Politik könnte in diesen Fall größer als der für die Lebensmittelindustrie sein, auch wenn diese, bis hinab zum Landwirt, den wirtschaftlichen Preis dafür zahlen werden muss.

“Es muss nicht alles im Netz diskutiert werden” – Axel Wallrabenstein im PRSH-Interview

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Axel Wallrabenstein ist Chairman der MSLGroup Germany. Im PRSH-Interview schildert er unter anderem seine Sicht auf das Trendthema Digitales Lobbying, beurteilt erste Gehversuche von Dialogportalen deutscher Unternehmen und erklärt, was deutsche Parteien von ihren US-Pendants im Online-Campaigning noch lernen können.
Die MSLGroup selbst ist das weltweite Public Relations und Event-Network der Publicis Groupe S.A. und gehört mit 2500 Mitarbeitern an 83 Standorten zu den weltweit fünf größten PR-Networks. Der Beratungsschwerpunkt von Axel Wallrabenstein liegt auf Public Affairs, Politische Kommunikation und Krisenkommunikation. Zusammen mit Prof. Dr. Gregor Halff gründete Wallrabenstein 2001 die Agentur Publicis Public Relations/ Publicis Consultants, die Ende 2009 Teil der MSLGroup wurde. Wallrabenstein war zuvor Pressesprecher in der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin und Pressesprecher im Innenministerium des Freistaates Sachsen.

Herr Wallrabenstein, hätten Sie es sich vor einem Jahr schon vorstellen können, dass heute mit der BASF ein Unternehmen das Thema Gentechnik in Form einer Dialogplattform zur Gen-Kartoffel Amflora im Web diskutiert und wie bewerten Sie dieses Engagement?

Axel Wallrabenstein: Zunächst einmal fand ich es von der BASF mutig, den Schritt zu wagen. Wenn Sie mich fragen, ob ich mir das vorstellen konnte, muss ich ehrlicherweise mit Ja antworten. Im Netz wird schon seit langer Zeit diskutiert und debattiert, natürlich auch über ein Thema wie Gentechnik. Was die BASF mit dem Amflora-Blog macht, ist jedoch weniger Public Affairs als vielmehr das Führen eines Dialogs. Sowas gab es schon vorher, aber es ist im Falle des kontroversen Themas Gentechnik mutig.


Man kann immer wieder den Eindruck gewinnen, dass einige PRler immer noch Angst vor dialogorientierter Kommunikation im Social Web haben. Warum sprechen soviele lieber von den Ängsten und Risiken anstatt von den Chancen?

Axel Wallrabenstein: Das liegt zum einen daran, dass der gesamte Bereich Lobbying und Public Affairs noch Old-Economy ist. Viele Granden der Lobbyarbeit in Berlin, aber auch in London oder Washington, sind oftmals Leute, die in der Politik aktiv waren, über lange Erfahrungen verfügen und die natürlich auch noch nach den klassischen Regeln der Lobbyarbeit agieren. Solche Leute tun sich ganz einfach noch mit dem Thema Social Media schwer. Das ist eben auch eine Generationenfrage, ähnlich wie wir es in der Werbung oder auch in der PR erleben, wo jetzt eine Generation heranwächst, die sich mit den Möglichkeiten des Web 2.0 auseinandersetzt und das auch eher in der Zukunft nutzen wird. Wenn man sich jedoch die erfolgreichen Lobbyaktivitäten des letzten Jahres anschaut, sei es Pharma-, Auto- oder Energieindustrie, dann sind das Bereiche, die bisher wenig mit Social Media arbeiten. Ob man erfolgreich Lobbyarbeit macht, hängt noch nicht davon ab, ob man im Netz aktiv ist oder nicht.


Lobbyismus verbindet man mit Hinterzimmern, Berliner Sternerestaurants, manch einer auch mit gesponserten Landesvertretungsfesten, mit Intransparenz eben. Social Media hingegen steht für Offenheit und Transparenz. Wie kann das zusammen passen?

Axel Wallrabenstein: Natürlich passt es. Denn die Frage ist nicht unbedingt „Passt Lobbyismus zu Social Media?“, es gibt eben schlichtweg Social Media und die Möglichkeiten im Netz zu kommunizieren. Diese Möglichkeiten muss man als Public-Affairs-Verantwortlicher auf der einen Seite nutzen, was ja immer mehr machen, man kann sich auf der anderen Seite aber auch nicht verschließen. Ob dies immer etwas mit dem Erfolg von Lobbyaktivitäten zu tun hat ist eine Frage. Es muss nicht alles im Netz diskutiert werden. Im Fall Wikileaks stellen wir uns derzeit auch die Frage, ob alles öffentlich sein muss. Ich bin dezidiert der Meinung, dass eben nicht alles öffentlich sein muss und auch nicht sein darf. Es gibt gewisse Dinge, die werden diskutiert, wie das ja auch in klassischen Medien der Fall ist, und es gibt Dinge, über die man nicht sprechen will und nicht sollte. Es wird auch trotz Social Media immer einen Teil von Public-Affairs geben, der im Hintergrund läuft und das ist auch gut so. Transparenz ist übrigens nicht nur eine Frage von Unternehmen. Auf dem Politikkongress in Berlin wurde zum Beispiel ein Fokus auf Abgeordnetenwatch gelegt, eine vermeintlich transparente NGO, die aber alles andere als transparent vorgeht. Verbindet man nun Transparenz immer mit den „Guten“ und ist Intransparenz ein Markenzeichen derer, die etwas zu verbergen haben und daher nicht im Social-Media-Bereich aktiv sind? Diese Schwarz-Weiß-Malerei halte ich für relativ absurd.


Das Deutsche Atomforum im Dialog auf Twitter und Facebook, das kann man sich nur schwer vorstellen. Andere Unternehmen, zum Beispiel die E-Plus-Gruppe mit UDL Digital, wagen den Gang ins gläserne Web 2.0. Ist die Beantwortung der Frage, ob sich Public Affairs auf diesen Kanälen lohnt, nicht vielmehr von der Community-Tauglichkeit einer Thematik, die ein Unternehmen zum Dialog stellt, abhängig?

Axel Wallrabenstein: Nein, das denke ich nicht. Ich glaube vielmehr, dass dies von den Unternehmen und den dort verantwortlichen Personen abhängt. Davon abgesehen ist es natürlich so, dass gerade netzaffine Themen der Lobbyarbeit wesentlich einfacher in der Web 2.0-Welt zu debattieren sind. Ich bezweifele, dass man mit rüstungspolitischen Fragen oder sehr speziellen Bereichen der Gesundheitspolitik im Social-Media-Bereich unterwegs sein muss. Das mag irgendwann der Fall sein, nur momentan sehe ich dafür die Notwendigkeit noch nicht und halte es auch nicht unbedingt für zielführend.


NGOs scheinen im Web fast gar nichts zu befürchten zu haben. Für die Umwelt sind irgendwie alle, für den Orang-Utan auch und für die Menschenrechte sowieso. Hat man es als Non-Profit-Organisation tatsächlich soviel leichter?

Axel Wallrabenstein: Sicherlich haben es NGOs leichter, weil sie sich oftmals mit sogenannten „Gutmensch-Themen“ beschäftigen. Es geht um Umwelt, die Rettung der Welt oder was auch immer. Darüber kann man leichter kommunizieren und auch die Leute bekommt man dafür leichter. Zustimmung ist aber das eine, für NGOs liegt die Herausforderung vor allem darin, konkretes Handeln zu erzeugen. Denn: Was macht jeder Einzelne dafür, dass die hehren Ziele auch erreicht werden? Natürlich ist jeder dafür, dass wir vernünftige Lebensmittel haben, dennoch kaufen die meisten das genaue Gegenteil. Somit haben es NGOs natürlich leichter, ob sie aber auch nachhaltiger sind, ist eine andere Frage.


Sie haben den in Berlin stattfindenden Politikkongress bereits angesprochen. Dieses Jahr war das Thema „Lobbying und Public Affairs im Web 2.0“. Unter den anwesenden Praktikern war die Quote derer, die Anwenderwissen im Bereich Social Media besitzen, gering. Wie sehr fehlt es in den Konzernrepräsentanzen und den politischen Stäben deutscher Unternehmen an Social-Media-Expertenwissen und wie sehr spielt dies Agenturen in die Karten?

Axel Wallrabenstein: Das kommt ganz darauf an. Es gibt viele Unternehmen, die gerade in diesem Bereich weit vorne sind. Es gibt aber auch Unternehmen, die noch Nachholbedarf haben. Das gilt genauso für Agenturen. Das liegt vor allem daran, dass wir es mit einem immer noch relativ neuen Medium zu tun haben. Twitter und Co gibt es nun mal noch nicht so lange. Ich war vor einigen Tagen auf einer Veranstaltung, da wurde gefragt: Wer war beim US-Wahlkampf Bush gegen Kerry bei Youtube vorne? Die Antwort: Keiner, Youtube gab es damals noch gar nicht. Und dabei ist der Wahlkampf noch nicht so lange her. Wenn man sich das klarmacht, dann weiß man ungefähr, wie schnelllebig die Zeit der neuen Medien ist.


Zurück zu UDL-Digital. Gunnar Bender und Team branden ja bereits die Disziplin Digital Public Affairs. Es fällt auf, dass im Blog nicht nur Politische Botschaften abgeladen werden, sondern genauso über ganz andere Themen, wie etwa aktuelle Trends im Social Web, geschrieben wird. Sind politische Inhalte für sich genommen nicht attraktiv genug, um eine Community zu bedienen und was ist eine solche Community letztlich wert?

Axel Wallrabenstein: Gunnar Bender hat das sehr schlau gemacht, denn UDL Digital und damit die E-Plus-Gruppe sind hier Vorreiter. Aber was für ein Thema treibt UDL um? Ganz spontan fällt mir keines ein. Aber das ist genau der Punkt. UDL ist weit vorne dabei in der Frage, wie ein Unternehmen sich und seine Themen im Web 2.0 präsentiert, aber es gibt kein wirkliches Kampfthema, was im Moment thematisiert wird und an dem man auch sehr schnell erkennen könnte, wie erfolgreich die Public-Affairs-Arbeit von E-Plus ist. Zur Community: Das ist sicher nicht uninteressant, und auch die in der kurzen Zeit aufgebaute Zahl der Anhänger ist schon sehr ordentlich. Zum Schwur kommt es doch erst, wenn man ein Thema besetzen muss und sieht ob die Community mitspielt oder nicht. UDL Digital ist momentan zweifelsfrei im Lead, aber das kann sich in zwei Jahren verändern.


…verstehe ich Sie dann in diesem Punkt richtig, dass Sie den UDL-Fans eher skeptisch gegenüberstehen, was deren wahres politisches Mobilisierungspotential angeht. Zum Beispiel wenn man an Demos, Petitionen denkt…

Axel Wallrabenstein: Auch da denke ich, dass viele Dinge den Charme des Neuen haben. Da sind die Anhänger dabei und gehen zum Beispiel zu den realen UDL-Digital-Treffs ins Vapiano. Social Media ist hier zunächst Mal nur ein Tool, mit dem man die Leute zu einer Veranstaltungsform bewegt. Aber auch bei diesen über Facebook und Twitter kommunizierten Events gibt es ja viele No-Responses. Kommen dorthin also nun mehr Interessierte, nur weil diese übers Social Web eingeladen worden sind? Es ist noch nicht ausgemacht, ob über dieses Tool die Bereitschaft der Leute an Veranstaltungen teilzunehmen größer ist als über klassische Wege. Das hat mit Public-Affairs-Arbeit im klassischen Sinne auch noch nichts zu tun, sondern ist vielmehr eine Frage, wie eine web-affine Zielgruppe angesprochen wird.


Sie waren selbst lange Zeit in der Politik aktiv. Könnten nicht gerade Parteien noch viel stärker und besser das Social Web für sich nutzen, oder sind diese doch gar nicht so schlecht aufgestellt?

Axel Wallrabenstein: Sicherlich werden die Parteien hierzulande in diesem Bereich sehr stark mit den USA, aber auch mit England verglichen. Dort werden aber ganz andere Mittel bewegt. Obama hat im letzten Wahlkampf rund 750 Millionen Dollar investiert. Alle Parteien in Deutschland haben beim letzten Bundestagswahlkampf zusammen rund 60 Millionen Euro ausgeben. Was die Internetpräsenz angeht, müssen sich die Parteien in Deutschland nicht mehr verstecken, auch wenn man das mit der Wirtschaft vergleicht. Die Verlautbarungen von Parteien, und das betrifft die meisten, kommen mir persönlich zu sehr im Stile von Pressemitteilungen daher. Wenn ich zum Beispiel eine Info bei Facebook bekomme, dann ist das meist das typische Video mit dem Generalsekretär, eine verbildlichte Pressemitteilung. Das ist mir nicht kreativ genug. Da fehlt Bildmaterial Backstage oder Informationen, die man im Fernsehen oder Zeitung so nicht bekommt. Was die reine Präsenz angeht, sind die Parteien gar nicht so schlecht. Was jedoch fehlt ist das Interaktive. Das muss aber auch personell bedient werden. Es macht keinen Sinn so etwas einzufordern und dann die Leute, die mit einem kommunizieren wollen, nicht bedienen zu können. Dieser Missstand ist vor allem der mangelenden Man-Power in den Parteizentralen geschuldet. Da hinkt dann auch der Vergleich mit den USA. Was aber auch fehlt, und in den USA eine große Rolle spielt, ist das Spendensammeln im Netz. Das Thema Kleinspenden oder aktionsgebundenes Spenden, wird auch hierzulande in den nächsten Jahren ganz entscheidend werden. Ich bin seit dem Obama-Wahlkampf im Verteiler der Demokraten. Die sprechen einen ganz gezielt an und vor allem auch noch nach der Wahl! Dass nach einer Wahl der Kampagnengedanke weitergetragen wird, ist sehr beachtlich und fehlt in Deutschland komplett. Aber Kampagnen sind das eine, Realpolitik das andere. Und da sind wir in Deutschland sogar besser.



Die Fragen stellte Martin Höfelmann

Unsere bisherigen PR-Interviews:

Hartwin Möhrle (A&B ONE) im PR-Interview: “Nicht alles ernstnehmen, was in digitalen Schwatzbuden verbreitet wird”
“Steht die Online-PR vor einem Qualitätsproblem? Unbedingt!” Mirko Lange (@talkabout) im PR-Interview
“CSR ist eine Strategie, keine PR!” – Susanne Bergius im PR-Interview
“Twittern MUSS keiner” – Ina Steinbach im PR-Interview



Peta, Puten und Politik

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Ein (Kommunikations-)Drama in drei Akten: Astrid Grotelüschen, ehemalige Geschäftsführerin der zweitgrößten Mastputenbrüterei Deutschlands und aktuelle Landwirtschaftsministerin von Niedersachsen, wird von der Tierrechtsorganisation Peta scharf kritisiert. Die Reaktion ihrerseits auf die Vorwürfe der Peta waren, vorsichtig ausgedrückt, unglücklich.

In letzter Zeit gab es eine Menge Aufruhr in der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft. Als gäbe es nicht schon Hühner genug, werden – so scheint es – im Wochentakt neue Massenzuchtanlagen aus dem Boden gestampft. Dabei ist der Bedarf an Geflügel (ja, auch an billigstem) hierzulande gedeckt. Doch die EU macht‘s möglich: Der Export des geschmacksneutralen Billigfleischs wird gefördert, auf dass das Deutsche Huhn auch anderswo Märkte und Preise zerstört. Eine der geplanten Anlagen bei Sprötze wurde kurz vor ihrer Fertigstellung in Brand gesetzt. Bühne frei für den vorläufigen Höhepunkt eines kommunikationstechnisch hoch interessanten Schauspiels.

Die Hauptrollen sind klar vergeben: Auf der einen Seite Astrid Grotelüschen, aktuelle Landwirtschaftsministerin von Niedersachsen, auf der anderen Seite die Tierrechtsorganisation Peta, irgendwo zwischen den Fronten die Betreiber der Zuchtanlagen.

Im ersten Aufzug, der bereits vor einigen Wochen stattfand, wurde Grotelüschen Opfer einer vermeintlichen Kampagne der Peta. Die Tierschützer hatten in diversen Zuchtanlagen, die von ihrer ehemalige Firma (jetzt unter Leitung ihres Mannes) mit Küken beliefert wurden, Filmaufnahmen von verendeten und kranken Tieren gemacht und Grotelüschen angezeigt. Prompt war die Ministerin als Lobbyistin von Wulffs Gnaden abgestempelt und verhielt sich denn auch alles andere als geschickt. Da gab es Faxe von ihrer Nummer an die Inhaber der Betroffenen Zuchtbetriebe, einen Ehemann der verdeutlichen wollte, dass er praktisch kein Wort mit seiner Frau spricht und Astrid Grotelüschen selbst, die beteuerte, mit den Geschäften ihres Mannes nichts mehr zu tun zu haben. Glaubwürdig geht anders, urteilte nicht nur die Opposition.

Im zweiten Akt brachte dann der Brandanschlag auf die Anlage in Sprötze zusätzlichen Zündstoff in die Debatte. Emotionale Bilder (sie mit trauriger Mine am Mikrofon, dahinter die Betreiberfamilie Arm in Arm vor den Überresten der Zuchtanlage, die „Platz“ für 36.800 Tiere bieten sollte) und noch stärkere Unterstützung für die Ministerin seitens der Agrarindustrie im Kampf gegen die vermeintlich militanten Tierschützer waren das Resultat.

Für Spannung im dritten Akt ist gesorgt. Wird auch der größte Schlachthof Europas, der im niedersächsischen Wietze errichtet wird und in dem täglich (!) 430.000 Tiere sterben werden, einem Brandanschlag zum Opfer fallen? Wird Grotelüschen doch noch zur Tierfreundin? Und welche Rolle wird Wilhelm Hoffrogge, Vizepräsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft, spielen? Er scheint zumindest eine ehrliche Haut zu sein. Im Zeit-Interview bezeichnet er Geflügel als Fleisch der Zukunft. Nur würzen müsse man es gut. „Alles was so schnell wächst, hat nun mal nicht viel Geschmack.“ Noch beeindruckender scheint da seine Idee, einen gläsernen Stall auf den Grundmauern der abgebrannten Anlage in Sprötze zu errichten. Der Kunde solle endlich wissen, wie moderne Hähnchenmast aussehe, so Hoffrogge. Bleibt abzuwarten, ob dies wirklich im Interesse seines Verbandes ist. Fortsetzung folgt.

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