Hartwin Möhrle ist geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur A&B ONE. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Unternehmenskommunikation, Krisen- und Risikokommunikation, Issues-Management und Compliance. A&B ONE ist eine partnergeführte, unabhängige Kommunikationsagentur. Als “Community der Spezialisten” bündelt sie analytische, strategische und kreative Kompetenzen aus PR, Werbung, Digitaler Kommunikation, Design, Marktforschung und Event mit operativer Kampagnenfähigkeit. Erfahrung und Know-how sind in Teams oder in eigenständig am Markt profilierten Angeboten zusammengefasst. Dazu gehören Agenturen mit spezifischem Profil für Digitale Kommunikation und Social Media (A&B FACE2NET) und qualitative Marktforschung (A&B FRAMEWORK) sowie die Designmarke A&B SQUID.
Herr Möhrle, aus welchen Gründen haben Sie eigentlich kein Twitter-Profil? Schließlich sind es gerade Agenturchefs wie Stephan Fink, Mirko Kaminski oder Mirko Lange, die mit ihrer „Zwitscherei“ Mehrwert für eine große Zahl von Followern liefern.
Hartwin Möhrle: Als Berater, der häufig in kritischen und deshalb zumeist äußerst vertraulichen Zusammenhängen tätig ist, gehört weniger offensives Branchengeschnattere als echte Diskretion und eine gewisse Zurückhaltung zum professionellen Persönlichkeitsprofil. Im Übrigen muss man seine Kompetenz im Umgang mit Instrumenten wie Twitter heute nicht mehr durch besonders eifrigen Selbsteinsatz unter Beweis stellen.
Sie haben vor Ihrer PR-Karriere als Journalist gearbeitet. Haben Sie jemals an dieser Entscheidung gezweifelt und wie schwer ist Ihnen gefallen „die Seiten zu wechseln“?
Hartwin Möhrle: Nein, an der Entscheidung habe ich nie gezweifelt, die Umstellung war jedoch eine Herausforderung. Professionelle Strategieberatung in Kommunikation und journalistische Professionalität sind in Teilen sehr verschiedende Schuhe. Wie schwer sich gestandene Journalisten damit tun, sieht man immer wieder in Situationen, wenn teuer eingekaufte Edelfedern als Unternehmenskommunikatoren versagen.
Als Krisenexperte müssten sie sich derzeit die Hände reiben. Von den Banken über BP und Toyota bis hin zur deutschen Bahn oder der Bundesregierung. Von wem der Genannten würden Sie die „Finger lassen“ und welchen Job würden Sie mit was für einer Grundidee annehmen?
Hartwin Möhrle: Warum sollte ich ein Beratungsmandat von den drei genannten Unternehmen bzw. Branchen nicht annehmen? Allerdings handelt es sich hierbei um sehr unterschiedliche kommunikative Anforderungen. Allein die Tatsache, dass alle eine Krise durchleben, sollte nicht zu dem Trugschluss führen, die spezifischen Herausforderungen mit den gleichen krisenkommunikativen Mitteln bekämpfen zu wollen.
Wie läuft eigentlich eine Krisen-Beratung in der Praxis bei Ihnen ab und was würden Sie im Rückblick als ihren größten Beratungserfolg bezeichnen?
Hartwin Möhrle: Zunächst geht es immer darum, den tatsächlichen Krisengehalt einer Sache zu identifizieren. Wir nennen das bei uns ein Krisenprofil erstellen. Dann muss man schnell erkennen, ob die Betroffenen akzeptieren, dass sie auch eine Krise haben. Wenn es an Krisenakzeptanz fehlt, ist eine Beratung meist sehr mühsam bis unmöglich. Und wenn ich hier jetzt weitermache, würde das den Blog sprengen. Es gibt im Verlag Frankfurter Allgemeine Buch ein mittlerweile in der zweiten Auflage erschienenes, ganz ordentliches Buch zum Thema „Krisen-PR“.
Was den einen großen Erfolg betriff: Die größten Erfolge waren meist Mandate, bei denen es erst gar nicht zu einer Kommunikationskrise gekommen ist. Sprich, bei denen vom potenziell kritischen Sachverhalt niemand etwas mitbekommen hat.
In allen Kommunikationsfeldern hält die Online-Kommunikation Einzug. BP hat sich kürzlich Google-Suchanfragen zur Öl-Katastrophe sichern lassen, damit die Internetnutzer sich auf den bunten BP-Seiten über die Krise informieren konnten. Welche Möglichkeiten bieten Online-Kanäle der Krisen-Kommunikation?
Hartwin Möhrle: Die aktuellen Medien und Plattformen sind schnell, interaktiv und vernetzbar. Sie funktionieren wunderbar als Empörungsmaschinen und werden zum Beispiel von Greenpeace als solche auch weidlich genutzt. Gleichzeitig bieten Sie gerade für die Kommunikation in Krisen auch sehr gute Möglichkeiten, etwa beim „Opinion Mining“ oder der zielgruppengenauen, schnellen strategischen Intervention. Social Networks sind relevanter Teil der öffentlichen Meinungsbildung geworden und müssen als solche ernst genommen werden, auch wenn lange nicht alles ernst zu nehmen ist, was in den digitalen Schwatzbuden so alles verbreitet wird, wenn der Online-Tag lang ist.
Ihre Agentur veranstaltet seit einigen Jahren den Nachwuchsworkshop A&B ONE Camp. Dort dürfen Studenten Fallbeispiele ihrer Agentur kennenlernen und mit Ihrem Team diskutieren. Wie kam es zu dieser Idee und was glauben Sie, warum andere Agenturen diesem Beispiel nicht folgen?
Hartwin Möhrle: Die Idee war und ist ganz einfach: Wir wollen junge, talentierte Menschen kennenlernen, die sich für den Beruf Kommunikationsberatung im weitesten Sinne interessieren. Das tun wir, indem wir Ihnen mit einem möglichst intensiven Einblick in die Praxis die Faszination dieses Berufsfeldes vermitteln, ein bisschen zusammen arbeiten, uns austauschen und dabei Spaß haben.
Dabei lernen wir sie so gut kennen, dass wir die guten unter ihnen nicht mehr aus den Augen lassen. Und wenn wir irgendwann mal nach einem Talent für den Berufseinstieg oder zu einem späteren Zeitpunkt nach einer Beraterin, einem Berater suchen, wissen wir, wo wir sie finden können. Und wir hoffen, denen geht es genau so. Dann wissen auch die Teilnehmer der A&B ONE Camps, an wen sie sich wenden können, wenn sie einen Praktikumsplatz, ein Diplomthema oder einer Traineestelle suchen. Oder wenn sie als Kommunikationsveranwortliche eines Unternehmens irgendwann mal nach einer guten Agentur Ausschau halten. Eine echte Win-Win-Situation.
Warum das andere Agenturen nicht machen? Vielleicht, weil sie das Investment an Zeit und Geld scheuen. Ich kann nur sagen: es zahlt sich aus.
Die Fragen stellte Martin Höfelmann
Unsere bisherigen PR-Interviews:
“Steht die Online-PR vor einem Qualitätsproblem? Unbedingt!” Mirko Lange (@talkabout) im PR-Interview
“CSR ist eine Strategie, keine PR!” – Susanne Bergius im PR-Interview
“Twittern MUSS keiner” – Ina Steinbach im PR-Interview
Im ersten Video-Interview berichtete Stefan Keuchel (Google) über die eierlegende Wollmilchsau, den Bewerberansturm bei Google oder aber Cloud-Computing. Im Anschluss an unsere Podiumsdiskussion vom 15.6., auf der der Kommunikationsmanager 2.0 gesucht wurde, beantwortete auch Claudia Sommer (Webmanager Greenpeace) in einem weiteren Interview die Fragen von Rebecca Acar. Themen: Social Media bei NGOs, der beste Job der Welt, die Webstrategie von Greenpeace.
Mirko Lange ist Geschäftsführer von talkabout communications in München. Seine Agentur zählt zu den führenden Adressen im Beratungsfeld Online-Relations. “Wertschöpfung durch Kommunikation” (Co-Autor des gleichnamigen, im FAZ-Verlag erschienen Buches) und Social Media (Studienleiter an der BAW in München) sind Langes Spezialgebiete. Laut wefollow.com ist Mirko Lange der einflussreichste nicht-englischsprachige PR-Twitterati weltweit. In unserer Reihe “PR-Interview” stellt sich Mirko Lange den Fragen aus der Welt der Online-Relations und schildert seine Sicht auf den Nestlé-Case und das “überforderte Affentheater” (prreport.de vom 25.3.2010) im Anschluss.
Herr Lange, Ihre Agentur talkabout ist eine der führenden Adressen auf dem Feld der Online-Relations. Was machen Sie eigentlich, sollte irgendwann die Social-Media-Blase platzen oder die „Entschleunigung“ zu einem gesellschaftlichen Trend werden?
Mirko Lange: Schade, dass das kein Video-Interview ist: Sie würden mich herzlich lachen sehen. Was ich dann mache? Ich setze mich hin und weine! Nein, im Ernst: Ich mache mir da überhaupt keine Sorgen. Erstens verdienen wir unser Geld ja nicht nur mit Social Media – umsatzmäßig macht das aktuell einen eher kleinen Teil aus. Zweitens sind wir eine sehr dynamische Agentur – wir würden uns also schnell neuen Gegebenheiten anpassen. Drittens glaube ich nicht, dass es eine „Social-Media-Blase“ gibt: Dass das Medienmonopol aufgebrochen ist, und dass heute jeder publizieren kann, ist keine Blase sondern ein Fakt, der sich auch nicht mehr umkehren wird. Und schließlich glaube ich nicht, dass „Entschleunigung“ irgendwas mit unserer Arbeit zu tun hat. Wir könnten auch langsamer Social Media machen.
Besucher Ihrer Online-Profile von Twitter über posterous bis Formspring quälen Sie mit der unglaublich umfassenden Frage: „Wie können Unternehmen authentisch und anerkannt am öffentlichen Dialog teilnehmen, Fürsprecher gewinnen und dadurch Mehrwert schaffen?“ – Klingt wie die Suche nach dem heiligen Gral. Haben Sie denn selbst schon die Antwort gefunden?
Mirko Lange: Oh, dann muss ich die Frage umformulieren! Die war nicht als Frage gemeint, die ich anderen Menschen stelle. Das ist die Frage, die ich mir selbst stelle. Und nein, ich habe die Antwort noch nicht gefunden. Ich habe einige Ansätze, Aspekte und Elemente gefunden. Aber bestimmt noch nicht die Antwort. Aber ich halte die Fragen für die spannendsten, auf die man keine Antwort findet. Sie helfen einem, aufmerksam zu bleiben.
Nicht wirklich bereit zum öffentlichen Dialog war gerade der Lebensmittelgigant Nestlé,der von Greenpeace mittels Nutzung von Social Media gebrandmarkt wurde. Der Grund: Nestlé verwendet indonesisches Palmöl aus Beständen eines Herstellers, der für die Zerstörung des natürlichen Lebensraums von Orang-Utans verantwortlich ist. Sie haben sich die Zeit genommen und die Greenpeace vs. Nestlé-Story kritisch beleuchtet. Der Tenor: Greenpeace will Nestlé bluten sehen. Im Rahmen einer emotional-aufgeladenen und am Ende nicht immer ganz sachlichen Diskussion auf Ihrem Blog, gab es viel Zuspruch, aber auch Kritik an der Analyse-Tiefe. Der PR-Report schrieb in diesem Zusammenhang jüngst vom „überforderten Affentheater“ und verunsicherten Kommunikationsprofis. Sie selbst nannten einmal Social Media das Kokain der Kommunikationsberatung. Sieht nach einem kalten Entzug aus.
Mirko Lange: Hm. Sie machen ein Statement! Was ist die Frage? Allerdings möchte ich das Statement gerne kommentieren. Die Debatte auf dem Blog war sogar ausgesprochen sachlich. Sie wurde erst emotional, als mich einer der Kommentatoren persönlich angriff und persönlich zu diskreditieren versuchte. Das war auch keine Kritik an der „Analyse-Tiefe“, sondern er setzte „Analyse“ generell in Gänsefüßchen – er meinte, es sei gar keine Analyse, bzw. sie sei grundfalsch. Andere Leser des Blogs haben diesem Kommentator dann eine unfaire und nicht angemessene Kultur vorgeworfen. Das war dann die emotionale Debatte. Ich war zu dieser Zeit auf einem Workshop und war da überhaupt nicht beteiligt.

Kampagnenbild von Greenpeace (Rechte: Greenpeace)
Und so wie ich die Kritik an meiner Analyse (oder an meiner „Analyse“) verstanden habe, gab es niemanden, der mir darin widersprochen hätte, dass Greenpeace populistisch, polemisch und propagandistisch vorgehen würde. Es ging nur um die Fragen, ob das ob des guten Zweckes richtig bzw. vertretbar sei oder ob das nicht ganz normal wäre: politisches Campaigning sei eben so. Und ja, das ist neu: Dass alles, was man tut, transparent wird. Das ist eine große Herausforderung für die PR, die sich klassischerweise wünscht, die Informationslage kontrollieren zu können – Stichwort „onevoicepolicy“. Ich persönlich finde die Entwicklung unglaublich inspirierend, nicht überfordernd.
Ist es in diesem Kontext eigentlich problematisch, wenn immer mehr Berater oder eben „Möchtegern“-Berater sich selbst zu Gurus, Evangelisten, Experten oder Kunstfiguren ernennen und man oft auch den Eindruck bekommen muss, dass Eitelkeiten und Selbstüberschätzung die Agenda bestimmen? Steht die Online-PR hier nicht auch vor einem Qualitätsproblem?
Mirko Lange: Wir hätten wirklich ein Video-Interview führen sollen! Sie sähen mich schon wieder herzlich lachen. Das ist eine total künstliche und konstruierte Debatte. Scharlatane gab und gibt es in jedem Berufszweig. Aber auch hier gilt das Prinzip des Kokains: „Social Media intensiviert die Persönlichkeit“ (so wie Kokain). Alles wird transparenter. Und jeder, der in Social Media aktiv wird, wird schnell entlarvt, wenn er anderen etwas vormachen will. Man erkennt schnell den wahren Charakter. Das gilt für NGOs ebenso wie für Kommentatoren oder eben Möchtegern-Berater. Social Media verändert nichts. Es macht nur das sichtbar, was ist. Wobei das dann wieder eine ganze Menge verändert. Und steht die Online-PR vor einem Qualitätsproblem? Unbedingt! So wie die ganze PR schon seit langem vor einem Qualitätsproblem steht!
Mal von einer ganz anderen Seite betrachtet: Müssen sich Agenturen wie talkabout nicht bei einem Unternehmens-Versagen wie im Fall Nestlé im Bereich Digital Relations die Finger lecken? Schließlich wird mit solch prominenten Fällen doch die Notwendigkeit von professioneller Beratung offensichtlich.
Mirko Lange: Also das nächste Mal machen wir wirklich ein Video-Interview, abgemacht? Dann würde Sie sehen, dass ich einem Bären deutlich ähnlicher sehe als einem Geier. Zunächst denke ich nicht, dass Nestlé „versagt“ hat. Nestlé ist mit unfairen Tiefschlägen angegriffen worden. Ich kann verstehen, dass Nestlé deswegen irritiert war. Das war eine „gute“ Taktik von Greenpeace – zumindest wenn man annimmt, dass wir uns in einem Krieg befinden. Und Nestlé hat sich durch diesen Frontalangriff zu ein paar taktischen Fehler verleiten lassen – das könnten auch individuelle Fehler gewesen sein. Ansonsten folgt die Nestlé-Kommunikation nach meiner Auffassung einer klaren Strategie. Und die heißt nicht: Offenheit im sozialen Netz. Und das ist okay so, Nestlé hat auf dieser Basis keinen großen Beratungsbedarf. Ansonsten: Ja, ich glaube „Digital Relations“ sind ein Wachstumsmarkt. Deswegen schaue ich zuversichtlich in die Zukunft und freue mich auf jedes spannende Projekt. Aber ich bin über die Jahre auch dankbar und demütig genug geworden, um mir nicht bei jeder Gelegenheit „die Finger zu lecken“. Ob das andere Agenturen machen, kann ich nicht beurteilen.
Derzeit tummeln sich die „User“ auf diversen Social-Media-Plattformen. Gleichzeitig lässt sich ein Trend erkennen, dass Plattformen wie Facebook oder Google Buzz ein Rundum-Paket der Funktionen von Diensten wie Twitter, Flickr etc. integrieren. Wohin wird hier die Reise gehen? Auf welche Plattformen sollten social-media-affine Unternehmen setzen?
Mirko Lange: Ich glaube, diese Frage beruht auf einer falschen Vorstellung von Social Media. Mein Lieblingssatz ist derzeit: „Wenn Social Media die Antwort ist – was war dann gleich noch die Frage?“. Social Media bietet nahezu unendlich viele Optionen. Welche die richtige ist, lässt sich nur sagen, wenn man die genaue Frage kennt. Einfach nur auf einer bestimmten Plattform präsent zu sein, ist kein Wert – es sei denn man will nur auf seiner To-Do-Liste den Punkt „Social Media“ abhaken und sich selbst damit beruhigen, dass man das auch richtig gemacht hat. Die Frage spielt eigentlich auch keine Rolle. Wenn man mit den Menschen sprechen will, die für einen relevant sind, dann muss man sie dort treffen, wo sie sind. Und wenn sie irgendwann weg sind, muss man ihnen folgen. So einfach ist das. Wir müssen nur aufhören zu denken, dass wir die Kontrolle hätten, sondern wir müssen flexibel und geschmeidig werden. Das erfordert Denken und Arbeit, aber so ist das eben.
Gerade der Bereich Social Media ist synonym mit dem Begriff des Dialogs. Dieser Dialog ist auch ein wichtiger kommunikativer Aspekt von Corporate Social Responsibility. In den USA ist die Verquickung dieser beiden Bereiche bereits im Gange. Bisher regieren in Deutschland noch die dicken Nachhaltigkeitsberichte. Inwiefern kann das Feld der CSR durch einen Stakeholderdialog im Netz an Authentizität gewinnen?
Mirko Lange: Vor allem im Bereich CSR spielt Social Media eine eminent wichtige Rolle. Die spezifischen Besonderheiten von Social Media kommen hier voll zum Tragen: Persönliche Kommunikation, Partizipation, Transparenz, teilhaben lassen, Beiträge von Nutzern, Multimedialität, Vernetzung, … all das hat in diesem Bereich eine große Bedeutung. Unternehmen können soziale Medien nutzen, um die Gesellschaft, für die sie sich engagieren, an dem Projekt teilhaben zu lassen, sodass sie sich davon überzeugen können, dass die Motivation des Unternehmens „echt“, also authentisch, ist. Je stärker die Transparenz und je größer das persönliche Involvement der am Projekt beteiligten, desto engagierter die Kommunikation und desto authentischer wirkt das Unternehmen. Direkter „Dialog“ spielt da übrigens eine untergeordnete Rolle: Man sollte antworten, wenn man direkt angesprochen wird. Aber mehr auch nicht.
Sie sprachen mal davon, dass in der deutschen Agentur- und Beraterlandschaft das Thema Social Media 2009 fast komplett verschlafen wurde. Was hat sich getan und was muss sich noch in 2010 ändern?
Mirko Lange: Fast jede Agentur hat heute Social Media auf der Agenda stehen. Manche verstehen etwas davon, andere glauben, sie verstünden etwas davon, weil sie twittern, und wieder andere wissen, dass sie das Thema nicht verstehen und suchen Kooperationen. Die Agenturen und Berater werden in den kommenden Monaten hoffentlich in echten Projekten echte Erfahrungen machen, denn die ist unabdingbar. Und wenn ich „echte Projekte“ sage, dann meine ich den direkten Kontakt mit Meinungen – auch mit kritischen Meinungen. Man muss wirklich „auf die Straße“ gehen, um Social Media zu verstehen, Disneyland reicht da nicht. Zudem muss es auch in diesem Bereich eine bessere Ausbildung geben, also dass die Menschen, die schon Erfahrungen haben, ihre Erfahrungen an andere weitergeben. Ich bin ja selbst Dozent an der „Social Media Akademie“, die auf E-Learning setzt, und habe zusammen mit der Bayerischen Akademie für Werbung in München einen Lehrgang entworfen, der im Mai diesen Jahres beginnen wird.
Zum Abschluss noch eine Frage zum PR-Nachwuchs: Was für Einstiegsmöglichkeiten gibt es bei talkabout, was für Eigenschaften muss ein aussichtsreicher Bewerber mitbringen?
Mirko Lange: Studenten steigen bei uns als Trainee ein. Aktuell für 1.800 EUR pro Monat. Ich mag Menschen, die schnell denken können. Die für ein oder mehrere Themen brennen. Und die dazu das Handwerk verstehen, sowie mutig sind, neue Dinge auszuprobieren.
Vielen Dank für Ihre Einschätzungen!
(das Interview führte Martin Höfelmann)
Links:
Der Nestlé-Greenpeace-Case in der sachlichen Analyse auff RBB Radio fritz
“Überfordertes Affentheater” – prreport.de über die PR-Szene und den Nestlé-Case
Mirko Lange bei Twitter
Unsere bisherigen PR-Interviews:
“CSR ist eine Strategie, keine PR!” – Susanne Bergius im PR-Interview
“Twittern MUSS keiner” – Ina Steinbach im PR-Interview

Die erste Podiumsdiskussion unseres erst kürzlich gegründeten PRSHVereins zum Thema „CSR als Herausforderung für die Unternehmenskommunikation“ kann als voller Erfolg verbucht werden. Die fast 100 interessierten Zuhörer, der Sektempfang im Foyer und natürlich die Diskussion selbst übertrafen die Erwartungen.
Einen großen Anteil daran hatten unsere Podiumsgäste, die interessante Beiträge zu den einzelnen Facetten von Corporate Social Responsibility liefern konnten. So unterstrich Dr. Gerhard Prätorius, Leiter CSR und Nachhaltigkeit der Volkswagen AG, bereits zu Beginn der Diskussion, dass sich CSR in den vergangenen Jahren zum „Problemlösungsfall“ für Unternehmen entwickelt habe.
Dieser Meinung schloss sich auch Stefan Dahle an, der beim Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft (Imug) als Leiter der CSR-Beratung arbeitet. Er verglich das CSR Verständnis in den USA mit dem heutigen europäischen Verständnis und machte auf die Unterschiede zwischen Charity (USA) und nachhaltigem Wirtschaften (Europa) aufmerksam. Als wichtige journalistische Meinungsführerin und Beobachterin der CSR-Szene in Deutschland bemängelte Heike Leitschuh, dass gerade dieses Verständnis von CSR noch nicht in allen deutschen Unternehmen angekommen sei.
Ein Grund dafür sei, so Eins A Kommunikation- und DPRG-Landesgruppen-Chef Thorsten Windus-Dörr, dass das Thema CSR vor einigen Jahren einfach über viele Unternehmen gekommen sei, ohne dass diese darauf vorbereitet gewesen wären. Er betonte jedoch auch, und dies stellte sich auch bei den Fragen nach der Diskussion noch einmal heraus, dass gerade der Mittelstand bereits lange CSR Maßnahmen durchführen, diese jedoch nicht als solche bezeichnen und kommunizieren würde.
Im Wesentlichen einig war sich das Podium über die Frage, wie stark CSR-Projekte mit dem unternehmerischen Kerngeschäft verknüpft sein müssen, um nicht als „Greenwashing“ tituliert zu werden. Einzig Dr. Gerhard Prätorius machte deutlich, dass es nicht immer so leicht sei, diese Verknüpfung herzustellen.
Nach dieser ersten Verortung von CSR und Nachhaltigkeit wurde die Diskussion von Moderator Andreas Severin (Managing Partner Crossrelations, Düsseldorf) auf die kommunikativen Aspekte von CSR in der Unternehmenskommunikation gelenkt. Stefan Dahle machte hier deutlich, dass schlicht zu oft über Dinge kommuniziert wird, die in der Realität nicht stattfänden. „Die Kommunikation muss der CSR-Performance des Unternehmens angepasst sein“, so Dahle weiter. Außerdem müsse CSR-Kommunikation transparent und reflektiv sein. Insbesondere selbstkritische Stimmen vermisse er in den Nachhaltigkeitsberichten deutscher Unternehmen. Diesen Punkt unterstrich ebenfalls Heike Leitschuh, die in diesem Zusammenhang auch Verbesserungspotential beim ansonsten vorbildlichen VW-Nachhaltigkeitsbericht ausmachte.
Nach dem Ende des ersten “PRSH im Gespräch” führten Rebecca Acar und Daniela Wrage mit allen vier Gästen Kurzinterviews, die in den kommenden Tagen hier online gestellt werden. Als ersten Vorgeschmack daher nun das erste PRSH-Interview mit Dr. Gerhard Prätorius, dem Leiter CSR Nachhaltigkeit der Volkswagen AG:
Hiermit möchten wir noch einmal unseren Dank an die geladenen Podiumsgäste und natürlich an unseren Moderator Andreas Severin richten. Außerdem geht ein großer Dank an alle Beteiligten, die in Sachen Catering, Dokumentation und sonstigen organisatorischen und technischen Aufgaben so perfekt geholfen haben.
Und hier geht es…
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Zu den PRSH-Interviews (mit Dr. Prätorius, Heike Leitschuh, Thorsten Windus-Dörr, Stefan Dahle)
Am 16. März findet ab 18 Uhr unsere Podiumsdiskussion PRSH im Gespräch – CSR als Herausforderung für die Unternehmenskommunikation an der Expo Plaza 12 statt. Im Vorfeld stellte sich Susanne Bergius im zweiten PR-Interview unseren Fragen rund um das Thema Nachhaltigkeit und PR. Susanne Bergius ist Journalistin und Moderatorin für nachhaltiges Wirtschaften und Investieren (u.a. Handelsblatt, ZEIT.online, Frankfurter Rundschau; sie konzipiert und schreibt maßgeblich das Handelblatt Business Briefing zu Nachhaltigen Investments).
Was macht für Sie gute CSR aus?
Susanne Bergius: Corporate Social Responsibility, gesellschaftliche Unternehmensverantwortung, ist keine zusätzliche Aktivität, sondern eine Art, das Kerngeschäft zu betreiben: umweltschonend, sozialverträglich und dauerhaft wirtschaftlich erfolgreich. Es geht nicht darum, ob sondern wie Gewinne erwirtschaftet werden, nämlich nachhaltig. Politik, Wirtschaft und Finanzwelt betreiben nur dann glaubhaft Nachhaltigkeitsstrategien, wenn sie sie auf ihre Kernaktivitäten ausrichten, anspruchsvoll gestalten, ehrgeizige Ziele und Zeitvorgaben formulieren, ein wirksames Nachhaltigkeitsmanagement mit klaren Verantwortlichkeiten und nachhaltigen Entscheidungskriterien etablieren sowie ihre öko-sozialen Leistungen messen lassen und transparent dazu berichten.
CSR strategisch zu betreiben, ist zwingend erforderlich, weil es wettbewerbsrelevant ist. Es gilt, Nachhaltigkeit als verbindlichen betriebswirtschaftlichen Entscheidungsfaktor zu etablieren und quantifizierbare Kriterien für Investitionsentscheidungen zu entwickeln. Grundlegend ist, echte Verantwortlichkeiten für Nachhaltigkeit zu schaffen. Die meisten CSR-Stellen koordinieren nur, beraten manchmal, haben aber haben kaum Kontroll-, geschweige denn Weisungsbefugnis. Vorbildhaft sind die Gremien bei BASF, Henkel, HypoVereinsbank und der WestLB, die beim Vorstand angesiedelt oder in denen Vorstände oder Vorstandschefs, strategische Planung, Produkt- und Funktionsbereiche sowie Regionen vertreten sind.
Es gibt zahlreiche Beispiele, wie kleine, mittlere und große Unternehmen Nachhaltigkeit konsequent und glaubwürdig angehen können. Mit solchen Strategien nutzen sie viele wirtschaftliche Potenziale, selbst wenn die nicht stets exakt zu berechnen sind: geringerer Ressourcenverbrauch, Kostensenkung, optimierte Betriebsabläufe, bessere Geschäftsbeziehungen, Risikominderungen und höhere Mitarbeitermotivation. Das führt zu höherer Produktqualität, Innovationen und steigender Wettbewerbsfähigkeit. Dies alles zahlt sich durch mehr Gewinn, eine bessere Reputation, einen höheren Unternehmenswert oder besseren Kapitalmarktzugang aus, wie zahlreiche Studien erwiesen.
Für CSR und Nachhaltigkeit sind neue Geschäftsmodelle erforderlich. Wenn traditionelle Unternehmen versuchen, ihre Geschäftsbereiche so nachhaltig wie möglich zu betreiben, indem nachhaltige Aspekte zu zwingende Kriterien für Investitionsentscheidungen machen, betreiben sie CSR. Davon zu unterscheiden sind Unternehmen, die systematisch auf ein komplett nachhaltiges Geschäftsmodel umsatteln: Ihre Produkte und Dienstleistungen dienen einer nachhaltigen Entwicklung, richten keinerlei Schaden an und es ist mit ihnen Geld zu verdienen.
„Tue Gutes und rede darüber“. Diesen Spruch hört man immer wieder in Bezug auf CSR. Wie sehr passt dieser Gedanke mit der Glaubwürdigkeit von CSR zusammen?
Susanne Bergius: Seit einigen Jahren ist CSR ein beliebtes Schlagwort. Mangels international einheitlicher Definitionen nutzen Unternehmen das Schlagwort aber nach eigenem Gutdünken und teils irreführend. Sie „verkaufen“ gesponserte Umwelt-, Kultur- oder Sportprojekte als CSR statt als das, was sie sind: bürgerschaftliches Engagement. Derartige „Corporate Citizenship“ gibt es schon lange, hat aber den Klimawandel und die Zerstörung der Artenvielfalt nicht verhindert.
CSR ist nicht einfach Gutes tun, zumal es auch im Sinne eigner ökonomischer Interessen steht: Nur Unternehmen die zukunftsorientiert und verantwortlich wirtschaften, werden künftig weiter wirtschaften können, etwa weil sie sich nötige natürliche und menschliche Ressourcen sichern. Glaubwürdig ist CSR, wenn es, wie eben beschrieben, in der Firmenstrategie, dem Management und dem Kerngeschäft abteilungsübergreifend verankert ist, gesteuert und kontrolliert wird.
Dies können Unternehmen in der Stille tun und von den ökonomischen Vorteilen „ungesehen“ profitieren. Allerdings ist in vielen Fällen Transparenz für unabdingbar, vor allem bei börsennotierten sowie in der öffentlichen Beobachtung stehenden Unternehmen. Transparenz heißt in erster Linie eine sachlich korrekte, möglichst extern geprüfte Berichterstattung, die die Bedeutung der CSR-Aktivitäten und Ergebnisse „richtig“ darstellt, also anhand anerkannter Kriterien (etwa denen der Global Reporting Initiative) und auch in Bezug zum Gesamtgeschäft. Hier kommt es auf nachweisliche Leistungen an.
Dies hat nichts mit „PR“ im werblichen Sinne zu tun, sondern soll verschiedenste Interessengruppen informieren wie Mitarbeiter, Zulieferer, Kunden, Nicht-Regierungsorganisation, Medien und Politik. Sie haben ein Recht, informiert zu werden, und pochen zunehmend darauf. Darum müssen deutsche Unternehmen seit 2006 in den Lageberichten aussagekräftige Angaben zu ökologischen und sozialen Aspekten machen. Investoren bewerten sie laut Umfragen überwiegend als wichtig für Geschäftslage und künftigen unternehmerischen Erfolg. Lageberichte bilden aber Risiken und deren Management noch nicht adäquat ab. Investoren wollen von Unternehmen häufig viel mehr wissen. Darum hat die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) zentrale Leistungsindikatoren (KPIs) für Nachhaltigkeit erarbeiten lassen, die bei Finanzprofis inzwischen europaweit anerkannt sind. Sie werden für Unternehmen strategische Bedeutung erlangen und sicher dazu beitragen, das Thema zur Chefsache zu machen.
Sofern tatsächlich messbare und bedeutsame Fortschritte bestehen, kann und sollte das durchaus auch die „PR“ im werblichen Sinne sagen. Warum sollten Unternehmen verstecken, was sie erreichen? Im Gegenteil: Gerade auch öko-sozial verantwortliche Leistung, dient der Kundenbindung. Und ein Bewusstseinswandel sowie Verhaltensänderungen in allen gesellschaftlichen Gruppen hin zu nachhaltigeren Wirtschafts- und Lebensstilen bedürfen Informationen über Machbares und Leistungen. Sie brauchen auch einen Informationswettbewerb. Entscheidend ist die Glaubwürdigkeit.
Am besten sollen Unternehmen erst etwas leisten und dann darüber reden. Bei der Arbeit Richtung mehr CSR empfiehlt sich allerdings, zentrale Interessengruppen, die Stakeholder, einzubinden. Einige Unternehmen haben inzwischen erkannt, wie unerlässlich ernsthafte Stakeholder-Dialoge mit Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, Mitarbeitern, Zulieferern oder Kunden sind, die alle viel Know-how einbringen. Ohne einen systematischen, möglichst vertraulichen Stakeholderdialog, ist es, als hätte eine Aktiengesellschaft keine Investor Relations Abteilung.
Was ist für Sie unglaubwürdig?
Susanne Bergius: Es ist nicht strategisch, wenn Autobauer „sauber“ produzieren, aber verkaufte Fahrzeugflotten massenhaft Treibhausgase ausstoßen und PR-Maßnahmen vor allem Sport Utility Vehicels dienen. Kulturförderung hilft nicht, Korruptionsfällen, Kinderarbeit oder zu großen Nebenwirkungen von Medikamenten systematisch vorzubeugen.
Ist CSR nicht im Kerngeschäft verankert, schmilzt die Glaubwürdigkeit wie Eis unter der Sonne. Wie bei BP. Es reichte nicht das Unternehmen publikumswirksam mit Logo „Byond Petrolum“ symbolisch auf die Zukunft einzustellen und in Solarenergie zu investieren, aber trotz Rekordgewinnen im Kerngeschäft Anlagen wissentlich verrotten zu lassen. Infolgedessen starben 2005 bei einer Explosion in Texas 15 Menschen und 170 wurden verletzt; Lecks in Ölleitungen zerstörten 2006 empfindliche Ökosysteme in Alaska, weswegen das größte US-Ölfeld tagelang geschlossen wurde. Die Kosten waren hoch, der Image-Schaden ist noch lange nicht behoben. Die riesige PR-Kampagne war ein Rohrkrepierer.
Im Idealfall sollte CSR Ökonomie, Soziales und Ökologie vereinen. Empfinden Sie, dass dies in der Realität geschieht?
Susanne Bergius: Im Idealfall zeigt das Kerngeschäft, dass soziale und ökologische Unternehmensverantwortung sowie nachhaltiges Wirtschaften mit ökonomischem Erfolg einher gehen. Von solch „nachhaltigem Wirtschaften“ sind die meisten Unternehmen weit entfernt: Das kurzfristige ökonomische Denken dominiert noch, was dazu führt, das öko-soziale Aspekte untergeordnet werden. Würden Unternehmen verstärkt langfristig denken und handeln, würden sie schon aus Eigeninteresse öko-soziale Faktoren stärker einbeziehen. So aber fehlt weitgehend die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in die Strategie sowie alle Geschäfts- und Entscheidungsprozesse, selbst wenn sich immer mehr Firmen Leitlinien geben oder Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktor bezeichnen.
Wohl haben deutsche Firmen hierzulande viel für den lokalen Umweltschutz und ihre hiesigen Mitarbeiter getan. Angesichts der Globalisierung geht es nun darum, hohe, über nationale Gesetze hinaus gehende Standards für Umweltschutz und Soziales weltweit von allen Standorten und Geschäftspartnern einzufordern.
Selbst als führend geltende Konzerne konzentrieren sich meist auf Leuchtturm-Projekte. Sie machen nachhaltiges Wirtschaften nicht zu einem alle Aktivitäten umfassenden Geschäftsmodell und Innovationstreiber. Dadurch liegen Chancen zur langfristigen Steigerung des Unternehmenswerts brach. In deutschen Unternehmen sind Aktivitäten zur ökologischen und sozialen Verantwortung meist planlos auf Abteilungen verstreut, ohne in Innovationsprozesse und Produktentwicklung integriert zu sein. Es mangelt an Managementbewusstsein und entscheidungsfähigen Gremien sowie firmenweiten Kontroll- und Reportingstrukturen. Aber was man nicht kontrolliert, kann man weder sinnvoll steuern noch planen. Das kann fatal sein, weil Umwelt und Soziales über die Zukunftsfähigkeit des Kerngeschäfts entscheiden können.
Diese Situation erklärt, warum immer wieder dieselben Namen an der Spitze nationaler und internationaler CSR-Rankings auftauchen. Und diese Namen bemühen sich um das von Ihnen angesprochene Gleichgewicht. Allerdings ist es in der Praxis durchaus schwierig, ökologisch, soziale und ökonomische Interessen zu vereinen. Es gibt Zielkonflikte sowie ein Bewertungsproblem, ob im Einzelfall der ökologische oder der soziale Aspekte wichtiger ist. Nachhaltigkeit ist ein Such- und Lernprozess. Davor sollte man sich aber nicht scheuen: Bei glaubwürdigem Handeln werden auch Fehler verziehen.
Als Gatekeeper haben Sie maßgeblichen Einfluss darauf, ob Aktionen von Unternehmen mit dem Siegel der Schönfärberei oder einem Lob bedacht werden. Wie überzeugt man Sie und inwiefern wird auf Journalisten hier auch Einfluss genommen?
Susanne Bergius: Als „Schrankenwärterin“ betrachte ich mich nicht, sondern als Journalistin, die dazu beiträgt, ein Informations- und Diskussionsdefizit in der deutschen Wirtschafts- und Finanzwelt zu beseitigen und über Machbares aufzuklären. Ob ich maßgeblichen Einfluss habe, weiß ich nicht – das müssen andere beurteilen.
Zu Ihrer Frage: Täglich erhalte ich hunderte E-mails, auch von Unternehmen, die ihre Aktivitäten darstellen und sich eine Berichterstattung wünschen. Unternehmen versuchen, auf Journalisten Einfluss zu nehmen. Hier gilt es scharf zu sondieren, schon allein um die Informationsflut zu bewältigen. Mails zu „guten Taten“ lösche ich sofort, selbst wenn gesellschaftliches Engagement von Unternehmen bedeutsam ist und eine hohe Wertschätzung verdient. Aber ich konzentriere mich seit zehn Jahren auf das Kerngeschäft und behalte diese Trennlinie konsequent bei. Am ehesten überzeugen mich Unternehmen, die große Fortschritte im Kerngeschäft, beim Management, bei der strategischen Produktentwicklung und dem Management der Beschaffungskette nachweisen. Ich recherchiere lange und bei vielen Quellen, bevor ich über ein Unternehmen schreibe. So bleibe ich unabhängig und lasse unerwünschte Einflüsse nicht zu. Hier bei hilft auch, dass ich mich der Tageszeitungshektik entzogen habe, in dem ich mich 2004 selbstständig machte: Das gibt mir mehr Zeit, zu recherchieren.
Nachhaltigkeit spielt bei Unternehmen eine immer wichtigere Rolle. Schon lange wird in diesem Bereich Geld an Kapitalmärkten verdient. Können Sie aus Ihrer Sicht als Beobachterin erkennen, dass hier auch beruflich eine Professionalisierung einsetzt? Welche Qualifikationen muss der Nachwuchs mitbringen?
Susanne Bergius: Ja, es hat eine Professionalisierung begonnen. Immer mehr Unternehmen suchen nach Mitarbeitern, die sich mit CSR auskennen, nicht nur für Stabsstellen, sondern für den Einsatz in unterschiedlichen Abteilungen. Das Ausland ist hier wesentlich weiter, in Deutschland steckt das noch in den Kinderschuhen. Insbesondere ist integratives Denken gefragt, am besten eine interdiziplinäre Ausbildung.
Denn Ressourcenknappheit, Klimawandel, Hunger, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in der Dritten Welt, Korruption und Finanzturbulenzen entstehen auch, weil die Ökonomie und andere Fachrichtungen diese Themen in Forschung, Lehre und Praxis seit Jahrzehnten vernachlässigen. Nachbarländer korrigieren dies Versäumnis tatkräftig, indem sie nachhaltiges Wirtschaften und Wirtschaftsethik zum Pflichtfach machen und Studiengänge interdisziplinär ausrichten. Die deutsche Hochschullandschaft aber hinkt – von Ausnahmen abgesehen – hinterher. Erst nach und nach bieten Universitäten entsprechende Unterrichtsmodule oder Ausbildungsgänge an, von einem Pflichtfach ist meist keine Rede.
Darum macht sich das bundesweite Studentische Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik (Sneep) an inzwischen rund 30 Universitäten für eine interdisziplinäre Modernisierung von Lehr- und Forschungsplänen stark. Zudem engagiert es sich selbst in der Bildung: Es organisiert in Kooperationen mit Wissenschaftlern und Unternehmen Lehr- und Informationsveranstaltungen, gerade auch zur Frage der erforderlichen Qualifikationen. Und es bietet Dienstleistungen wie eine Praktikums- und Jobbörse an. Diese seit fast sechs Jahren bestehende interdisziplinäre Initiative verdient jede Unterstützung.
Alle Ausbildungen und universitäre Fachrichtungen sollten interdisziplinäres Denken lehren, das „Über-den-Tellerrand-Sehen“ und zumindest Grundwissen hinsichtlich Nachhaltigkeit vermitteln. Denn CSR und Nachhaltigkeit werden in Unternehmen nur gelebt, wenn alle Mitarbeiter in sämtlichen Abteilungen eine Ahnung haben, um was es geht und wie sie dazu beitragen und an einem Strang ziehen können. Im Produktdesign, bei der Beschaffung, dem Zulieferermanagement, der Produktion, dem Controlling, Marketing & Vertrieb, dem Service sowie der internen und externen Kommunikation. Darüber hinaus bedarf es Querschnittsdenker, also Nachhaltigkeitsexperten, die in der Lage sind, die komplexen Zusammenhänge innerhalb des Unternehmens und darüber hinaus zu managen.
Vielen Dank für das Interview!
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Nachhaltigkeit von Susanne Bergius im Handelsblatt
PR-Interview (1) mit Ina Steinbach (achtung) über Twitter und Co
Ina Steinbach ist PR-Beraterin bei achtung! in Hamburg. Ihr Schwerpunkt liegt in der Unternehmenskommunikation. Thematisch befasst sie sich mit dem gesamten PR-Portfolio von Krisen-PR über Issues Management bis hin zur PR im Web 2.0. Im Rahmen des letztgenannten Arbeitsschwerpunkts betreut sie beispielsweise den Twitter-Auftritt von eBay in Deutschland. In unserem ersten Interview der Reihe “PR-Interview” stellte sich Ina Steinbach insbesondere unseren Fragen rund um das Thema Online-PR.
Herzlichen Glückwunsch! Der von Ihnen betreute Ebay-Account hat kürzlich die 4000 Follower-Marke durchbrochen. Gab es ein Geschenk aus San José?
Ina Steinbach: Nein, das gab es nicht, aber meine Ansprechpartner in der eBay-Pressestelle waren natürlich sehr froh über diesen weiteren Meilenstein. Wobei die Zahl der Follower mir persönlich nicht so wichtig ist. Wenn wir es schaffen, einen kontinuierlichen Dialog zu führen und Kundenanfragen zur Zufriedenheit der Kunden zu beantworten, dann ist das wesentlich wichtiger als solche Zahlen.
Wann sind Sie das erste Mal mit Twitter in Kontakt gekommen und waren Sie bereits damals von den kommunikativen Möglichkeiten für Unternehmen überzeugt?
Ina Steinbach: Laut Twitter bin ich seit März 2008 angemeldet – was verglichen mit einigen Early Adoptern natürlich sehr spät ist. Zu Beginn war ich überhaupt nicht von Twitter überzeugt, wie wohl die meisten beim ersten Kontakt. Sinn und Kraft von Twitter erschließen sich erst, wenn man eine Weile am Ball bleibt und sich langsam Follower & Verfolgte finden.
Erzählen Sie uns von Ihrem Tagesgeschäft. Wie sieht die Arbeit einer Social-Media-Beraterin aus?
Ina Steinbach: Ich bin keine Social-Media-Beraterin, sondern klassische PR-Beraterin und sehe mich auch als solche. Social Media-Kommunikation ist aber ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit und muss es meines Erachtens auch für alle PR-Berater heutzutage sein. Mein Tagesgeschäft setzt sich insofern sehr stark aus ganz klassischen PR-Tätigkeiten zusammen, wobei Social Media-Monitoring der wichtigste kontinuierliche Bestandteil der täglichen Arbeit ist. Ein Großteil der Social Media-Beratung ist auch immer noch, Ängste und Fragen von Unternehmen zu klären, die sich teilweise sehr unsicher sind, ob und wie sie Social Media nutzen sollten.
Was glauben Sie, wie viel Strategie und wie viel blinder Aktionismus stecken im deutschen Corporate-Twitter?
Ina Steinbach: Hinter den meisten Corporate Accounts stecken schon viel Know-How und Strategie. Oft fehlt die Anbindung an einer größere Social Media-Strategie, wobei man hier auch sagen muss, dass Twitter ganz klar ein kostengünstiger Türöffner für eine Gesamtstrategie ist. Aber nur zu twittern macht schlicht keinen Sinn, wenn man ansonsten eine klassische Top-Down-Kommunikation betreiben will.
Sie twittern im Namen der PR-Agentur achtung!. Können Unternehmen die Twitterei nicht selbst managen oder sind Agenturen einfach besser und innovativer?
Ina Steinbach: Ich finde sogar, dass ein Corporate Twitter-Account, der sich auf Unternehmensthemen mit Customer Support-Elementen konzentriert anstatt auf pure Markenkommunikation, eher im Unternehmen angesiedelt sein sollte. achtung! hat den eBay-Account beispielsweise erfolgreich auf den Weg gebracht und im ersten Jahr betreut. Nun übernimmt die Unternehmens-Pressestelle, worüber ich mich sehr freue. Denn natürlich sind die Ansprechpartner dort noch näher am Thema und nun werden auch direkte Einblicke in das Unternehmen möglich, die ich als externe Beraterin, egal wie nah ich an den Themen im Tagesgeschäft dran bin, nur unter Mehraufwand liefern kann.
Zum twitternden Mitarbeiter: Was ist dieser? Chance, Gefahr, Authentizität? Und: Muss er durch Social Media-Kodizes gebändigt werden?
Ina Steinbach: Mit gebändigt werden hat das gar nichts zu tun. Man kann durch Social Media-Richtlinien Ängste und Unsicherheiten nehmen, bei vielen Mitarbeitern herrscht in Bezug auf Social Media große Unsicherheit. Mitarbeiter, die frei und persönlich twittern, können ein authentisches Bild des Unternehmens nach außen tragen und tragen dadurch einen wertvollen Teil zum Employer-Branding bei.
In Bezug auf Twitter wird immer wieder, und auch zu Recht, auf Schwierigkeiten in der Evaluation hingewiesen. Wie schätzen Sie diese Problematik persönlich ein und wie evaluiert man bei achtung! Corporate-Twitter?
Ina Steinbach: Evaluation ist eine Herausforderung. Tools wie Klout, das ich sehr zu schätzen weiß, beginnen allmählich, die Twitter-Auswertung zu professionalisieren. Reichweite allein halte ich dabei für wenig aussagekräftig. Der Dialoganteil und die Klickraten von getwitterten Links sind da schon wichtigere Kennzahlen. Eine Systematik ist hier ganz klar noch in der Entstehung begriffen, ich probiere sehr viel aus und teste neue Evaluationsinstrumente.
Auch reine B-to-B-Unternehmen wie Airbus nutzen mittlerweile die Welt der Social-Media. Macht sowas aus Ihrer Sicht Sinn und warum?
Ina Steinbach: Klar macht das Sinn. Es sind ja stets Menschen, die sich austauschen, aneinander Fragen richten, sich Empfehlungen geben. Und es geht um Wohlwollen und Sympathie untereinander. Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Sympathie braucht es sowohl „B-to-C“ als auch „B-to-B“.
Selbst eine der größten deutschen Banken, die Commerzbank, ist nicht auf Twitter aktiv. Kann man sich so etwas heutzutage noch leisten und mit welchen Argumenten würden Sie den Commerzbankern zu einem Twitter-Engagement raten?
Ina Steinbach: Das müsste ich mir genauer anschauen. Grundsätzlich: Twittern MUSS keiner. Es ist nur einer von vielen, vielen Social Media-Kanälen, und jedes Unternehmen muss ganz klar evaluieren, was Sinn macht und wie es welche Kanäle nutzen will. Was sich allerdings kein Unternehmen mehr leisten kann ist, die Kommunikation in den partizipativen Netzen gänzlich zu ignorieren.
Der ebay-Twitter leistet unter anderem Support für Kunden, Daimler hat einen eigenen Presse-Twitter-Account. Wie hilfreich kann Support, wie gründlich Presseinteraktion in 140 Zeichen sein? Wissen die „social media gurus“ nicht mehr was ein Telefon ist?
Ina Steinbach: Sie wissen es schon, aber sie nutzen halt den ganzen Tag sowieso ihren Rechner. Es ist schneller, mal eben kurz den Twitteraccount eines Unternehmens zu fragen, als umständlich eine Nummer rauszusuchen und dort anzurufen. Allerdings wird die Konversation bei komplexen Themen natürlich zwangsläufig schnell auf Email gezogen, da 140 Zeichen in den seltensten Fällen ausreichen.
Twitter entwickelt derzeit eine spezielle Anwendung für Unternehmen namens „Contributor“. Damit sollen Firmen Nutzerkonten eröffnen können, über das gleich mehrere Angestellte mit Kunden kommunizieren können. Wird das Corporate-Twitter damit neuerfunden?
Ina Steinbach: Klingt spannend. Aber solche Anwendungen gibt es bereits, unter anderem CoTweet und Hootsuite. Von CoTweet bin ich persönlich ziemlich beeindruckt. Das neue Team hinter dem eBayDE-Account wird diese Anwendung nutzen.
Vor einiger Zeit saßen Sie bei einem Seminar unter anderem mit den Verantwortlichen der Unternehmens-Twitter-Profile von Kodak, Allianz, Germanwings oder Otto zusammen. Was waren Ihre zentralen Erkenntnisse?
Ina Steinbach: Dazu gibt es einen sehr spannenden Blog-Beitrag, der alle Hinweise und Tipps sehr gut zusammenfasst: Hier ist er zu finden
Folgender Fall: Ein twitternder Meinungsführer hat zum wiederholten Male ersteigerte Ware nicht erhalten und teilt sich via Twitter mit. Kriegen Sie das mit und wie ist der kommunikative Ablauf in einem solchen Fall?
Ina Steinbach: Ich bekomme das mit, über gezieltes Twitter Monitoring. Ich würde in einem solchen Fall die Person per @reply anschreiben und fragen, ob ich helfen kann. In der Regel wird dieses Angebot schnell und gerne angenommen. Die Details werden dann per Direct Message und Email geklärt. Wenn die Angelegenheit dann erledigt ist, freuen wir uns über einen Danke-Tweet natürlich ganz besonders!
In einem Zeit-Interview berichtete Karen Heumann (Jung von Matt) von einer Meinungsführer-Freundin die, nachdem sie twitterte, dass sie bei C&A kein Dirndl mehr bekommen hätte, von C&A vier verschiedene Dirndl zugeschickt bekam. Allerdings viermal in der gleichen und falschen Größe. Eine fast perfekte Aktion also. Ersetzt der Dialog den Monolog bei Unternehmen und wie lange wird es dauern, bis solch eine Kommunikation Status Quo in deutschen Unternehmen sein werden?
Ina Steinbach: Dem Dialog kann sich kein Unternehmen entziehen. Allerdings hängt es stark davon ab, wie die generellen Strukturen in einem Unternehmen gestaltet sind. Unternehmen mit flachen Strukturen tun sich eventuell leichter. Sicher ist es auch bei Weltkonzernen schwierig, ständig alle laufenden Konversationen im Netz zu beobachten. Langfristig werden aber fast alle Unternehmen sich den neuen Kommunikationsgewohnheiten der Gesellschaft anpassen (müssen).
Letzte Frage mit der Bitte um eine 140-Zeichen-Antwort: Mal abgesehen von ebay. Welche Twitter-Accounts deutscher Unternehmen sind aus Ihrer Sicht besonders gelungen und warum?
Ina Steinbach: @Cinemaxx @otto_de @mymuesli sind meine liebsten Accounts wegen Dialog & Authentizität. Im Employer Branding setzt @otto_jobs Benchmarks.
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg in 2010!
Links:
Ina Steinbach bei Twitter
eBay bei Twitter
Twitter-Tipps von deutschen Corporate-Twitter-Verantwortlichen
Interview mit Karen Heumann (Jung von Matt) u.a über das zwitschernde Dirndl