Hartwin Möhrle ist geschäftsführender Gesellschafter der Kommunikationsagentur A&B ONE. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Unternehmenskommunikation, Krisen- und Risikokommunikation, Issues-Management und Compliance. A&B ONE ist eine partnergeführte, unabhängige Kommunikationsagentur. Als “Community der Spezialisten” bündelt sie analytische, strategische und kreative Kompetenzen aus PR, Werbung, Digitaler Kommunikation, Design, Marktforschung und Event mit operativer Kampagnenfähigkeit. Erfahrung und Know-how sind in Teams oder in eigenständig am Markt profilierten Angeboten zusammengefasst. Dazu gehören Agenturen mit spezifischem Profil für Digitale Kommunikation und Social Media (A&B FACE2NET) und qualitative Marktforschung (A&B FRAMEWORK) sowie die Designmarke A&B SQUID.
Herr Möhrle, aus welchen Gründen haben Sie eigentlich kein Twitter-Profil? Schließlich sind es gerade Agenturchefs wie Stephan Fink, Mirko Kaminski oder Mirko Lange, die mit ihrer „Zwitscherei“ Mehrwert für eine große Zahl von Followern liefern.
Hartwin Möhrle: Als Berater, der häufig in kritischen und deshalb zumeist äußerst vertraulichen Zusammenhängen tätig ist, gehört weniger offensives Branchengeschnattere als echte Diskretion und eine gewisse Zurückhaltung zum professionellen Persönlichkeitsprofil. Im Übrigen muss man seine Kompetenz im Umgang mit Instrumenten wie Twitter heute nicht mehr durch besonders eifrigen Selbsteinsatz unter Beweis stellen.
Sie haben vor Ihrer PR-Karriere als Journalist gearbeitet. Haben Sie jemals an dieser Entscheidung gezweifelt und wie schwer ist Ihnen gefallen „die Seiten zu wechseln“?
Hartwin Möhrle: Nein, an der Entscheidung habe ich nie gezweifelt, die Umstellung war jedoch eine Herausforderung. Professionelle Strategieberatung in Kommunikation und journalistische Professionalität sind in Teilen sehr verschiedende Schuhe. Wie schwer sich gestandene Journalisten damit tun, sieht man immer wieder in Situationen, wenn teuer eingekaufte Edelfedern als Unternehmenskommunikatoren versagen.
Als Krisenexperte müssten sie sich derzeit die Hände reiben. Von den Banken über BP und Toyota bis hin zur deutschen Bahn oder der Bundesregierung. Von wem der Genannten würden Sie die „Finger lassen“ und welchen Job würden Sie mit was für einer Grundidee annehmen?
Hartwin Möhrle: Warum sollte ich ein Beratungsmandat von den drei genannten Unternehmen bzw. Branchen nicht annehmen? Allerdings handelt es sich hierbei um sehr unterschiedliche kommunikative Anforderungen. Allein die Tatsache, dass alle eine Krise durchleben, sollte nicht zu dem Trugschluss führen, die spezifischen Herausforderungen mit den gleichen krisenkommunikativen Mitteln bekämpfen zu wollen.
Wie läuft eigentlich eine Krisen-Beratung in der Praxis bei Ihnen ab und was würden Sie im Rückblick als ihren größten Beratungserfolg bezeichnen?
Hartwin Möhrle: Zunächst geht es immer darum, den tatsächlichen Krisengehalt einer Sache zu identifizieren. Wir nennen das bei uns ein Krisenprofil erstellen. Dann muss man schnell erkennen, ob die Betroffenen akzeptieren, dass sie auch eine Krise haben. Wenn es an Krisenakzeptanz fehlt, ist eine Beratung meist sehr mühsam bis unmöglich. Und wenn ich hier jetzt weitermache, würde das den Blog sprengen. Es gibt im Verlag Frankfurter Allgemeine Buch ein mittlerweile in der zweiten Auflage erschienenes, ganz ordentliches Buch zum Thema „Krisen-PR“.
Was den einen großen Erfolg betriff: Die größten Erfolge waren meist Mandate, bei denen es erst gar nicht zu einer Kommunikationskrise gekommen ist. Sprich, bei denen vom potenziell kritischen Sachverhalt niemand etwas mitbekommen hat.
In allen Kommunikationsfeldern hält die Online-Kommunikation Einzug. BP hat sich kürzlich Google-Suchanfragen zur Öl-Katastrophe sichern lassen, damit die Internetnutzer sich auf den bunten BP-Seiten über die Krise informieren konnten. Welche Möglichkeiten bieten Online-Kanäle der Krisen-Kommunikation?
Hartwin Möhrle: Die aktuellen Medien und Plattformen sind schnell, interaktiv und vernetzbar. Sie funktionieren wunderbar als Empörungsmaschinen und werden zum Beispiel von Greenpeace als solche auch weidlich genutzt. Gleichzeitig bieten Sie gerade für die Kommunikation in Krisen auch sehr gute Möglichkeiten, etwa beim „Opinion Mining“ oder der zielgruppengenauen, schnellen strategischen Intervention. Social Networks sind relevanter Teil der öffentlichen Meinungsbildung geworden und müssen als solche ernst genommen werden, auch wenn lange nicht alles ernst zu nehmen ist, was in den digitalen Schwatzbuden so alles verbreitet wird, wenn der Online-Tag lang ist.
Ihre Agentur veranstaltet seit einigen Jahren den Nachwuchsworkshop A&B ONE Camp. Dort dürfen Studenten Fallbeispiele ihrer Agentur kennenlernen und mit Ihrem Team diskutieren. Wie kam es zu dieser Idee und was glauben Sie, warum andere Agenturen diesem Beispiel nicht folgen?
Hartwin Möhrle: Die Idee war und ist ganz einfach: Wir wollen junge, talentierte Menschen kennenlernen, die sich für den Beruf Kommunikationsberatung im weitesten Sinne interessieren. Das tun wir, indem wir Ihnen mit einem möglichst intensiven Einblick in die Praxis die Faszination dieses Berufsfeldes vermitteln, ein bisschen zusammen arbeiten, uns austauschen und dabei Spaß haben.
Dabei lernen wir sie so gut kennen, dass wir die guten unter ihnen nicht mehr aus den Augen lassen. Und wenn wir irgendwann mal nach einem Talent für den Berufseinstieg oder zu einem späteren Zeitpunkt nach einer Beraterin, einem Berater suchen, wissen wir, wo wir sie finden können. Und wir hoffen, denen geht es genau so. Dann wissen auch die Teilnehmer der A&B ONE Camps, an wen sie sich wenden können, wenn sie einen Praktikumsplatz, ein Diplomthema oder einer Traineestelle suchen. Oder wenn sie als Kommunikationsveranwortliche eines Unternehmens irgendwann mal nach einer guten Agentur Ausschau halten. Eine echte Win-Win-Situation.
Warum das andere Agenturen nicht machen? Vielleicht, weil sie das Investment an Zeit und Geld scheuen. Ich kann nur sagen: es zahlt sich aus.
Die Fragen stellte Martin Höfelmann
Unsere bisherigen PR-Interviews:
“Steht die Online-PR vor einem Qualitätsproblem? Unbedingt!” Mirko Lange (@talkabout) im PR-Interview
“CSR ist eine Strategie, keine PR!” – Susanne Bergius im PR-Interview
“Twittern MUSS keiner” – Ina Steinbach im PR-Interview
Am 15.6 haben wir vom PR Studierende Hannover e.V. zusammen mit Stefan Keuchel (Google), Claudia Sommer (Greenpeace), Daniel Görs (DPRG, Eyecansee) Timo Lommatzsch (Molthan van Loon) und unserem Moderator Dominik Rusinger den Kommunikationsmanager 2.0 gesucht. Per Livestream und Twitter konnten User auch im Social Web dabei sein. Hier die etwas andere Zusammenfassung der Veranstaltung. Es lebe das Microblog!

Ina Steinbach ist PR-Beraterin bei achtung! in Hamburg. Ihr Schwerpunkt liegt in der Unternehmenskommunikation. Thematisch befasst sie sich mit dem gesamten PR-Portfolio von Krisen-PR über Issues Management bis hin zur PR im Web 2.0. Im Rahmen des letztgenannten Arbeitsschwerpunkts betreut sie beispielsweise den Twitter-Auftritt von eBay in Deutschland. In unserem ersten Interview der Reihe “PR-Interview” stellte sich Ina Steinbach insbesondere unseren Fragen rund um das Thema Online-PR.
Herzlichen Glückwunsch! Der von Ihnen betreute Ebay-Account hat kürzlich die 4000 Follower-Marke durchbrochen. Gab es ein Geschenk aus San José?
Ina Steinbach: Nein, das gab es nicht, aber meine Ansprechpartner in der eBay-Pressestelle waren natürlich sehr froh über diesen weiteren Meilenstein. Wobei die Zahl der Follower mir persönlich nicht so wichtig ist. Wenn wir es schaffen, einen kontinuierlichen Dialog zu führen und Kundenanfragen zur Zufriedenheit der Kunden zu beantworten, dann ist das wesentlich wichtiger als solche Zahlen.
Wann sind Sie das erste Mal mit Twitter in Kontakt gekommen und waren Sie bereits damals von den kommunikativen Möglichkeiten für Unternehmen überzeugt?
Ina Steinbach: Laut Twitter bin ich seit März 2008 angemeldet – was verglichen mit einigen Early Adoptern natürlich sehr spät ist. Zu Beginn war ich überhaupt nicht von Twitter überzeugt, wie wohl die meisten beim ersten Kontakt. Sinn und Kraft von Twitter erschließen sich erst, wenn man eine Weile am Ball bleibt und sich langsam Follower & Verfolgte finden.
Erzählen Sie uns von Ihrem Tagesgeschäft. Wie sieht die Arbeit einer Social-Media-Beraterin aus?
Ina Steinbach: Ich bin keine Social-Media-Beraterin, sondern klassische PR-Beraterin und sehe mich auch als solche. Social Media-Kommunikation ist aber ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit und muss es meines Erachtens auch für alle PR-Berater heutzutage sein. Mein Tagesgeschäft setzt sich insofern sehr stark aus ganz klassischen PR-Tätigkeiten zusammen, wobei Social Media-Monitoring der wichtigste kontinuierliche Bestandteil der täglichen Arbeit ist. Ein Großteil der Social Media-Beratung ist auch immer noch, Ängste und Fragen von Unternehmen zu klären, die sich teilweise sehr unsicher sind, ob und wie sie Social Media nutzen sollten.
Was glauben Sie, wie viel Strategie und wie viel blinder Aktionismus stecken im deutschen Corporate-Twitter?
Ina Steinbach: Hinter den meisten Corporate Accounts stecken schon viel Know-How und Strategie. Oft fehlt die Anbindung an einer größere Social Media-Strategie, wobei man hier auch sagen muss, dass Twitter ganz klar ein kostengünstiger Türöffner für eine Gesamtstrategie ist. Aber nur zu twittern macht schlicht keinen Sinn, wenn man ansonsten eine klassische Top-Down-Kommunikation betreiben will.
Sie twittern im Namen der PR-Agentur achtung!. Können Unternehmen die Twitterei nicht selbst managen oder sind Agenturen einfach besser und innovativer?
Ina Steinbach: Ich finde sogar, dass ein Corporate Twitter-Account, der sich auf Unternehmensthemen mit Customer Support-Elementen konzentriert anstatt auf pure Markenkommunikation, eher im Unternehmen angesiedelt sein sollte. achtung! hat den eBay-Account beispielsweise erfolgreich auf den Weg gebracht und im ersten Jahr betreut. Nun übernimmt die Unternehmens-Pressestelle, worüber ich mich sehr freue. Denn natürlich sind die Ansprechpartner dort noch näher am Thema und nun werden auch direkte Einblicke in das Unternehmen möglich, die ich als externe Beraterin, egal wie nah ich an den Themen im Tagesgeschäft dran bin, nur unter Mehraufwand liefern kann.
Zum twitternden Mitarbeiter: Was ist dieser? Chance, Gefahr, Authentizität? Und: Muss er durch Social Media-Kodizes gebändigt werden?
Ina Steinbach: Mit gebändigt werden hat das gar nichts zu tun. Man kann durch Social Media-Richtlinien Ängste und Unsicherheiten nehmen, bei vielen Mitarbeitern herrscht in Bezug auf Social Media große Unsicherheit. Mitarbeiter, die frei und persönlich twittern, können ein authentisches Bild des Unternehmens nach außen tragen und tragen dadurch einen wertvollen Teil zum Employer-Branding bei.
In Bezug auf Twitter wird immer wieder, und auch zu Recht, auf Schwierigkeiten in der Evaluation hingewiesen. Wie schätzen Sie diese Problematik persönlich ein und wie evaluiert man bei achtung! Corporate-Twitter?
Ina Steinbach: Evaluation ist eine Herausforderung. Tools wie Klout, das ich sehr zu schätzen weiß, beginnen allmählich, die Twitter-Auswertung zu professionalisieren. Reichweite allein halte ich dabei für wenig aussagekräftig. Der Dialoganteil und die Klickraten von getwitterten Links sind da schon wichtigere Kennzahlen. Eine Systematik ist hier ganz klar noch in der Entstehung begriffen, ich probiere sehr viel aus und teste neue Evaluationsinstrumente.
Auch reine B-to-B-Unternehmen wie Airbus nutzen mittlerweile die Welt der Social-Media. Macht sowas aus Ihrer Sicht Sinn und warum?
Ina Steinbach: Klar macht das Sinn. Es sind ja stets Menschen, die sich austauschen, aneinander Fragen richten, sich Empfehlungen geben. Und es geht um Wohlwollen und Sympathie untereinander. Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Sympathie braucht es sowohl „B-to-C“ als auch „B-to-B“.
Selbst eine der größten deutschen Banken, die Commerzbank, ist nicht auf Twitter aktiv. Kann man sich so etwas heutzutage noch leisten und mit welchen Argumenten würden Sie den Commerzbankern zu einem Twitter-Engagement raten?
Ina Steinbach: Das müsste ich mir genauer anschauen. Grundsätzlich: Twittern MUSS keiner. Es ist nur einer von vielen, vielen Social Media-Kanälen, und jedes Unternehmen muss ganz klar evaluieren, was Sinn macht und wie es welche Kanäle nutzen will. Was sich allerdings kein Unternehmen mehr leisten kann ist, die Kommunikation in den partizipativen Netzen gänzlich zu ignorieren.
Der ebay-Twitter leistet unter anderem Support für Kunden, Daimler hat einen eigenen Presse-Twitter-Account. Wie hilfreich kann Support, wie gründlich Presseinteraktion in 140 Zeichen sein? Wissen die „social media gurus“ nicht mehr was ein Telefon ist?
Ina Steinbach: Sie wissen es schon, aber sie nutzen halt den ganzen Tag sowieso ihren Rechner. Es ist schneller, mal eben kurz den Twitteraccount eines Unternehmens zu fragen, als umständlich eine Nummer rauszusuchen und dort anzurufen. Allerdings wird die Konversation bei komplexen Themen natürlich zwangsläufig schnell auf Email gezogen, da 140 Zeichen in den seltensten Fällen ausreichen.
Twitter entwickelt derzeit eine spezielle Anwendung für Unternehmen namens „Contributor“. Damit sollen Firmen Nutzerkonten eröffnen können, über das gleich mehrere Angestellte mit Kunden kommunizieren können. Wird das Corporate-Twitter damit neuerfunden?
Ina Steinbach: Klingt spannend. Aber solche Anwendungen gibt es bereits, unter anderem CoTweet und Hootsuite. Von CoTweet bin ich persönlich ziemlich beeindruckt. Das neue Team hinter dem eBayDE-Account wird diese Anwendung nutzen.
Vor einiger Zeit saßen Sie bei einem Seminar unter anderem mit den Verantwortlichen der Unternehmens-Twitter-Profile von Kodak, Allianz, Germanwings oder Otto zusammen. Was waren Ihre zentralen Erkenntnisse?
Ina Steinbach: Dazu gibt es einen sehr spannenden Blog-Beitrag, der alle Hinweise und Tipps sehr gut zusammenfasst: Hier ist er zu finden
Folgender Fall: Ein twitternder Meinungsführer hat zum wiederholten Male ersteigerte Ware nicht erhalten und teilt sich via Twitter mit. Kriegen Sie das mit und wie ist der kommunikative Ablauf in einem solchen Fall?
Ina Steinbach: Ich bekomme das mit, über gezieltes Twitter Monitoring. Ich würde in einem solchen Fall die Person per @reply anschreiben und fragen, ob ich helfen kann. In der Regel wird dieses Angebot schnell und gerne angenommen. Die Details werden dann per Direct Message und Email geklärt. Wenn die Angelegenheit dann erledigt ist, freuen wir uns über einen Danke-Tweet natürlich ganz besonders!
In einem Zeit-Interview berichtete Karen Heumann (Jung von Matt) von einer Meinungsführer-Freundin die, nachdem sie twitterte, dass sie bei C&A kein Dirndl mehr bekommen hätte, von C&A vier verschiedene Dirndl zugeschickt bekam. Allerdings viermal in der gleichen und falschen Größe. Eine fast perfekte Aktion also. Ersetzt der Dialog den Monolog bei Unternehmen und wie lange wird es dauern, bis solch eine Kommunikation Status Quo in deutschen Unternehmen sein werden?
Ina Steinbach: Dem Dialog kann sich kein Unternehmen entziehen. Allerdings hängt es stark davon ab, wie die generellen Strukturen in einem Unternehmen gestaltet sind. Unternehmen mit flachen Strukturen tun sich eventuell leichter. Sicher ist es auch bei Weltkonzernen schwierig, ständig alle laufenden Konversationen im Netz zu beobachten. Langfristig werden aber fast alle Unternehmen sich den neuen Kommunikationsgewohnheiten der Gesellschaft anpassen (müssen).
Letzte Frage mit der Bitte um eine 140-Zeichen-Antwort: Mal abgesehen von ebay. Welche Twitter-Accounts deutscher Unternehmen sind aus Ihrer Sicht besonders gelungen und warum?
Ina Steinbach: @Cinemaxx @otto_de @mymuesli sind meine liebsten Accounts wegen Dialog & Authentizität. Im Employer Branding setzt @otto_jobs Benchmarks.
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg in 2010!
Links:
Ina Steinbach bei Twitter
eBay bei Twitter
Twitter-Tipps von deutschen Corporate-Twitter-Verantwortlichen
Interview mit Karen Heumann (Jung von Matt) u.a über das zwitschernde Dirndl
Wenn das Gala-Dinner anlässlich der Silvester-Feierlichkeiten auf dem neuen Aushängeschild von TUI Cruises, der „MeinSchiff“, auch nur halb so gut gelungen ist, wie das PR-Feuerwerk von TUI Cruises im Jahr 2009, dann muss man sich um das Wohl der Passagiere keine Sorge machen. Dabei hatte das PR-Jahr noch mit einem Schmunzeln begonnen, da die Kreuzfahrtsparte der TUI es soweit in Sachen Kundendialog getrieben hatte, dass diese, mit Zwischenschaltung einer Jury, dem neuen Luxusliner prompt den etwas hölzern anmutenden Namen „MeinSchiff“ gaben. Ein Name, der zwischen Queen Mary II oder Pride of Hawai zwar auffällt, aber nicht überzeugt.

Die "MeinSchiff" (Foto: TUI Cruises)
Was machte das Jahr 2009 zu einem MeinSchiff-Jahr?
Vorab erwähnt sei dabei, dass es TUI Cruises bestens verstand die Öffentlich-Rechtlichen vor das eigene Schiff zu spannen. Dies war erstmals eindrucksvoll bei der glamourösen Taufe im Hamburger Hafen zu sehen. Der NDR, der sich nachträglich viele Fragen dazu gefallen lassen musste, berichtete am 15. Mai zwei Stunden live. Unter der Schiffshymne, gesungen von Anna Netrebko, taufte dann auch folgerichtig NDR-Allzweckwaffe Ina Müller das Schiff. NDR-Show-Bühne und eine Talksendung der „aktuellen Showbude“ rundeten die perfekte Inszenierung gekonnt ab, in der sich TUI Logo und MeinSchiff nicht über zu wenig Aufmerksamkeit beschweren konnten. Dass Productplacement nach dem „Marienhof-Skandal“ noch so leicht und offensichtlich möglich ist, ist schon erstaunlich. Bei TUI Cruises wird es keinen gestört haben.
Doch wer denkt, dass man die Vermarktung seines Produkts im öffentlich rechtlichen Fernsehen nicht noch toppen könnte, der sah nicht die im Sommer abgedrehten Folgen des ZDF-Kochsendungsmarktführers „Die Küchenschlacht“. Hier kochen Hobbyköche unter Beaufsichtigung von Lafer, Lichter und Co täglich um die Wette. Ein Sternekoch spielt dabei jeweils Preisrichter, kegelt einen Kandidaten pro Tag raus und ernennt am Ende jeder TV-Woche den Sieger.
Eine ganz normale Kochsendung? Nicht im Sommer. Denn da wurde die ZDF-Sendung auf dem Sonnendeck der „MeinSchiff“ abgedreht. Statt eines kargen Studiohintergrundes konnte der Zuschauer die Stadtansichten von Malaga, Cadiz, Lissabon oder Bordeaux sehnsüchtig bewundern. Das Kochoutfit ließen die Juroren in ihren Kabinen. Das „MeinSchiff“-Polohemd sah einfach besser aus. In diesem wurden sie dann noch von den moderierenden Kollegen sinngemäß unter den Worten angekündigt: „Gerade noch in der tollen MeinSchiff-Saunalandschaft und jetzt hier bei uns“. Komplettiert wurde für TUI auch diese gelungene PR-Aktion durch aussagekräftige Intros, die das Schiff von seiner schönsten Seite zeigten. Wohlgemerkt: Hier ist die Rede vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Und zugegeben: Der im nicht gerade mediterranen Deutschland sitzende Zuschauer, der die Ausstrahlung im kühlen Herbst sehen durfte, muss sich mächtig nach diesem Schiff gesehnt haben.
Das wusste auch der CEO, Richard J. Vogel: „Mit Johann Lafer, Horst Lichter, Alexander Herrmann und Alfons Schubeck haben wir an Bord vier Spitzenköche, die für unsere Gäste die Reise auf der „Mein Schiff“ zu einem außergewöhnlichen Erlebnis machen. Kochsendungen erfreuen sich gerade bei Hobbyköchen immer größerer Beliebtheit.“ Bedenkt man, dass Zuschauer von Kochsendungen, in denen von Amateuren oftmals statt Reibekuchen eher Langusten an Kürbisravioli geboten werden, wohl auch noch so ziemlich die Zielgruppe des Genießer- und nicht Animations- „MeinSchiff“ sind, kann man TUI Cruises nur beglückwünschen.

Basis der Social-Media-Offensive: meinschiff.tv
Bei diesen gelungen Aktionen vergisst man völlig, dass auch Online einiges geboten wird. Sicherlich kann man darüber streiten, ob der gut situierte Kunde Twitter und Videoblogs nutzt, dennoch werden diese Kanäle geschickt besetzt. Die niemals versiegende Quelle deutscher Promis, Komiker und Künstler, die regelmäßig die „MeinSchiff“ zwischen Spitzbergen und Trinidad bevölkern, wird hier gekonnt in Szene gesetzt. Sei es, wenn „MeinSchiff-Golfer Heiner Lauterbach“ auf Deck den Schläger schwingt, Roger Cicero zusteigt, Reiner Calmund den Tiefgang vergrößert oder 2010 Panikrocker Udo Lindenberg sein Zimmer im Atlantik gegen den Konzertsaal des Luxusliners eintauschen wird.
Über Twitter und Facebook erfahren die „dummen“ Daheimgebliebenen etwas vom Django-Asül-Silvesterauftritt, bei Flickr kann man den letzten Sonnenuntergang neidvoll nachempfinden. Und auf http://meinschiff.tv/ gibt es dauerhaft Bewegtbilder der schiffseigenen Moderations-Crew und Verweise auf die euphorische Berichterstattung von Spiegel.TV, RTL, Merian, BILD und Co. Im Bereich Media-Relations muss TUI Cruises enorm viel geleistet haben. Vielleicht ist das erste Schiff des deutschen Reiseriesens aber auch einfach nur ein medialer Selbstläufer? Die Basis für diesen Erfolg ist aber letztendlich ein gutes Produkt. Schenkt man den vielen Kommentaren auf den Seiten des Video-Blogs Glauben, scheint TUI dieses zu haben, gute PR gab es in 2009 zumindest reichlich.
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Der Marienhof-Skandal auf FAZ.net
Es ist vollbracht. Seit Weihnachten ist unsere Internetpräsenz prsh.de bzw. pr-studierende.de online. Wir, die Public Relations Studierenden Hannover (PRSH), wollen auf dieser Plattform über unsere Aktivitäten berichten und Stellung zu aktuellen Geschehnissen in der Kommunikations-Branche beziehen. Gleichzeitig sollen in diesem Blog kompetente Gesprächspartner, sei es in Interviews oder in Gastbeiträgen, zu Wort kommen. Wie man der rechten Menüleiste entnehmen kann, sind wir auch auf Twitter als @PR_Studenten aktiv. Fragen zu unserem Vorhaben und unseren Meinungen stellen wir uns ebenfalls gerne unter formspring.me.

Mit unserem Engagement wollen wir nicht zuletzt etwas für uns selbst und unsere Studiengänge in Hannover tun. Unsere kleine Projektwolke zeigt, was wir uns derzeit alles an Betätigungsfeldern vorstellen. Unserem Verein, der sich gerade im Gründungsprozess befindet, liegt die Überzeugung zu Grunde, dass mit studentischem Engagement nicht nur das Studium bereichert werden kann, sondern auch eine Verknüpfung mit der PR-Branche vollzogen werden sollte. Insofern wollen wir gerade mit Diskussionsrunden, Exkursionen und Kongressteilnahmen diesen Austausch herbeiführen.
Über den Fortgang unserer Aktivitäten werden wir in Zukunft über diese Homepage informieren. Unternehmen, die unsere ehrenamtliche Arbeit als unterstützenswert empfinden, sind herzlich eingeladen mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir sind über jedes Feedback zur Seite und unseren Vorstellungen oder einen Blogroll-Austausch dankbar, wünschen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und freuen uns über einen regen Austausch. Unser Dank gilt an dieser Stelle auch der Fachhochschule Hannover und dem Fachbereich Public Relations für die konstruktive Unterstützung.
PRSH auf einem der größten deutschen Social-Media-Kongresse
Die höchste I-Phone-Dichte Norddeutschlands an diesem Tag, geschätzt jeder zweite Teilnehmer bei Twitter aktiv, ganz reales Lachsfilet in der Mittagspause und “mixed sessions” im Foyer, die sich als “Gesprächsrunden” entpuppten, in denen ganz altmodisch die Diskussion über den letzten Votrag außerhalb des Sitzungssaals weitergeführt wurde. Das war das ConventionCamp 2009 in Hannover mit seinen 1000 Teilnehmern, die sich aus Bloggern, Social-Media-Addicts, PRlern, Marketing-Menschen oder Studenten zusammesetzten.
Der Kongress fand zum zweiten Mal in Hannover statt und konnte dabei einen riesigen Sprung in Sachen Teilnehmerzahl machen (von 300 auf 1000). Los ging es für alle “Social-Media-Verrückten” im ConventionCenter der Messe Hannover, wo von 9.30 bis 18.15 in fünf Keynote-Sessions, den parallel dazu stattfindenden Open-Sessions sowie der Opening und Closing-Session über die Zukunft des Internets diskutiert wurde.

Wir vom PRSH informierten uns dabei zunächst über die Zukunft der old-economy in Form von Zeitungen. Thomas Knüwer vertrat dabei die These, dass in 2010 das Zeitungssterben in Deutschland beginnen wird und gerade die Verlagsbranche auf Veränderungen kaum angemessen reagieren würde. Weitere Programmpunkte waren die open Sessions zu Social Media im Bereich PR und Marketing sowie SEO: wie Google rankt. Während Letzteres naturgemäß auf einem hohen technischen Level ablief, jedoch interessante Einblicke in die Suchmaschinenoptimierung zuließ, war die Session über PR im Social Media Bereich von Altbekanntem gekennzeichnet. Der Journalismus bleibt als Gatekeeper relevant, Blogger muss man jedoch ernstnehmen. Gleichzeitig muss man die Natur von Social Media verstanden haben. Es nützt nichts, PR-Mitteilungen zu zwitschern, man muss mit den Usern in Kontakt treten und den Dialog suchen. Ob Twitter die Zukunft sein wird oder nur ein zweites “Second Life”, bleibt abzuwarten. Klargemacht wurde jedoch, dass der Reiz des Social-Media-Accounts für Unternehmen vor allem Imagevorteile birgt. Twitter, Facebook und Blogs sind In, Unternehmen die dies für sich auch beanspruchen, müssen dem Sorge tragen und auch im Social-Media-Bereich aktiv sein.
Den Abschluss bildetet die Keynote-Präsentation von Dirk Rockendorf (Contintenal – Leiter ebusiness), der den Weg der Continental AG im worldwideweb vorstellte.
Fazit: Ein interessanter Besuch eines der größten deutschen Kongresse zu diesem spannenden Thema. Eine sehr professionelle Durchführung. Eine klasse Location. Super Catering. Und ein großes Lob, dass der Eintritt für Studierende kostenlos war. Das CCH09 war übrigens den tagüber am 26.11.09 das meist debattierte Thema bei Twitter.
